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Feb 13
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Disclaimer: Diese Mail enthält sexistische Formulierungen. Jedes Wort ist genauso gemeint. Der Autor weist darauf hin, daß er sich vom Disclaimer (siehe Disclaimer) distanziert.
Kollegen, Kollegen. Zweiter Teil. Ich sitze in einem Großraumbüro mit mehreren Postgraduates, Postdocs und einem Prof. Ich glaube, ich spare mir die Beschreibung einiger Leute, denn ich finde ihre Arbeiten langweilig. Für einen Informatiker ist Human Computer Interaction tatsächlich eher ein Zuckerguß als ein essentielles Thema. Das ist mein Problem.
Dennoch will ich Jeremy nicht auslassen. Er ist neben Paul die zweite für mich wichtige Person, denn er ist Informatiker, kommt aus der künstlichen Intelligenz, hat seinen PhD in Beweisplanung gemacht. Also eine optimale Kombination für mich. Somit unterhalten wir uns auch sehr viel. Jeremy scheint auf den ersten Blick etwas langweilig zu sein, aber er ist schwer in Ordnung. Problematisch ist nur sein Wasserzahn. Versuch ihn mal in einer Kneipe zu verstehen, wo die Musik laut ist, die Menschen reden und Du auch noch auf Englisch jedes Detail verstehen solltest. Manchmal reicht ein gelegentliches Nicken nicht. Insbesondere dann nicht, wenn Dir jemand eine Frage stellt. “You are deaf, man!”
Ah, Paul habe ich vielleicht schon mehrere Male erwähnt, aber nie richtig vorgestellt. Er ist einer der Dozenten hier und er hat für mich die richtige Einstellung: “Ich bin kein HCI Wissenschaftler. Ich verwende HCI für meine Wissenschaft.” Damit kann ich gelegentlich leben. Er kommt ursprünglich aus der Mathematik und beschäftigt sich nun damit, wie man mathematische Systeme benutzerfreundlich gestalten kann. Paul arbeitet hauptsächlich mit Jeremy zusammen. Paul ist übrigens eines dieser Genies. Er liest etwas, merkt es sich und vergißt es nicht. Das Problem mit diesen vermeintlichen Genies ist, daß sie Briten sind und einfach einen verdammten Vorteil bei der wissenschaftlichen Literatur haben. Egal, Paul ist sehr freundlich und hilfsbereit. Durch ihn habe ich wieder ein wenig Motivation und Ausblick für meine Diss bekommen. Denn irgendwie befinde ich mich immer noch im Nebel und suche nach einem Ausgang. Schon wieder diese Suche.
Dann gibt es noch Lydia. Sie kommt kommt aus der Ukraine ist aber in Chicago aufgewachsen. Sie habe ich auch bereits in der ersten Stunde kennengelernt. Und sie ist der Grund, warum ich seit neuestem den Yahoo Messenger verwende. Damit kommunizieren die zwischen den Büros. Lydia ist sehr witzig und irgendwie immer gut drauf. Wenn sie im Raum ist, dann verbreitet sie gute Laune. Ihre Arbeit beschäftigt sich übrigens mit Auswirkungen von Schnittstellen auf Gesellschaften und umgekehrt. Für mich nicht sehr spannend, aber so bekommt man auch sein PhD.
Zuletzt will ich noch George … erwähnen. Was er macht, weiß ich nicht. Er ist mir irgendwie suspekt. Eigentlich sollte er mir sympathisch sein, aber langsamsprechende, riesenbrillentragende Überflieger sind mir unsympathisch. Im Prinzip ist er wirklich in Ordnung, vielleicht habe ich ihn nur ein einem ungünstigen Moment erwischt. Er kam frisch aus Neuseeland nach 30 Stunden Reise ins Büro und hat da den ganzen Tag gearbeitet. Klar, mache ich auch, wenn ich wieder in SB bin. Wie gut, daß ich noch Resturlaub habe, den ich sofort verbrate. Ach ja, in seiner Freizeit schreibt er ein Buch. Nicht über HCI, nicht über Computer Science. Er ist ein wenig anspruchsloser, er schreibt über die Kolonialpolitik Großbritaniens. “Das gibt es schon”, werdet Ihr schreien. Naja zu den großen wichtigen Ländern gibt es auch Literatur, aber nicht zu den kleinen und unbedeutenden. Dazu gibt es wohl ein mittlerweile älteres Buch, das unvollständig ist und falsche Behauptungen enthält. George recherchiert im britischen Nationalarchiv und hat somit einige Irtümer entdeckt.
Bin ich der Einzige in dem Laden, der nix kann????
Neulich durfte ich aber glänzen. Als Deutscher spreche ich natürlich Deutsch. Als visiting reasearcher spreche ich natürlich Englisch. Als Chicagobesucher habe ich mich als Polnisch sprechender Mensch geoutet. Und als Lydia neulich ihre Französischgrammatik übte, habe ich sie berichtigt und mich somit als ein multilinguales Talent in Szene gesetzt. Danke Seb für die Gesamtausgabe Asterix auf Französisch!!! Und Fuck You Britain!!!
The very last person for today soll Vivian sein, unsere Bulldoge im Haus, die ganz genau aufpaßt, wer ins Haus kommt. In ihrer Politessenuniform und strengem Blick, haben es zwielichtige Gestalten schon sehr schwer. Dafür ist sie zu den im Haus arbeitenden Leuten umso freundlicher. Jeden nennt sie ‘Darling’. Nicht, daß ich das bei meinen Kollegen gehört hätte, aber das muß so sein. Warum sollte sie das sonst zu mir sagen? Sie ist nicht wirklich attraktiv. Ich meine, den ganzen Tag rumsitzen und schauen wer ins Gebäude kommt und wer es verläßt ist nicht wirklich fettverbrenned.
Ein Detail am Rande, Vivian ist eine Farbige. Das schreibe ich aus zwei Gründen. Zum einen ist mir aufgefallen, daß ich häufiger mal die Paar-Kombination ‘Farbiger Mann, weiße Frau’ gesehen habe, aber nicht umgekehrt. Zum anderen, weil ich gelegentlich, aber lediglich, farbige Frauen gesehen habe, auf die die Beschreibung ‘Höhe x Breite x Tiefe’ im Brustbereich sehr gut zutrifft. Ein Wunschtraum vieler Mäner, folgt man diversen Magazinen und Filmstars. Unter den HCI Studenten ist ein Mädel mit einem Brustumfang, der für schlagkräftige Links-Rechtkombinationen taugt. Der Haken: sie hat eine Heliumstimme. Ein Lustkiller! Das ist eine klassische One-Bagger Situation, nur auf akustischer Basis. Gibt es da ein Pendant? Kopfhörer für IHN? Lutscher für SIE?
Auf meine letzte Mail habe ich von Matthias Feedback bekommen, der anscheinend bei der Beschreibung der Schlägerei in Camden Town lachend auf dem Boden lag. Im Nachhinein finde ich es auch witzig, wie ein Typ seinem Kumpel einfach eine überbrät. Dabei möchte ich ein Detail nicht verschweigen, weil es das Bild noch komplettiert. Beide hatten jeweils ein Eimerchen mit gelben Tulpen in der Hand. Könnt Ihr Euch an die Szene aus ‘Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug’ erinnern, in der zwei friedlebende Buddhisten Blumen am Flughafen an die Reisenden verteilen, und der Oberretter im Vorbeigehen denen grundlos in die Fresse schlägt. So ähnlich war dies, nur in live, und die Buddisten erledigen es selbst.
Ach Camden Town! Da war noch so eine Szene, direkt an der Tube Station. Ein Bild für die Götter, womit ich schon beim Thema bin. Ein alter versoffener und bärtiger Mann predigt der hiesigen Grufftischar das Wort Gottes und hält dabei eine völlig zerfetzte Biebel in die Luft, die einem Hollywoodfilm entsprungen sein könnte. Sein Kumpel, im sowas von versoffenem Zustand gröllte irgendwelche Laute, die beim besten Willen nicht zu verstehen wären. Man konnte aber zumindest hineininterpretieren, daß er seinem predigenden Freund moralischen Beistand mitteilte. Sein Support (und er selbst auch) löste sich in Luft auf, als zwei Polizisten um die Ecke kamen. Da trifft eine Sünde auf die andere.
And now to something completely different …
Stellt Euch mal vor, Ihr wächst mit einem Helden auf, der nur eine Rolle verkörpert. Wie sehr wird da doch das Bild zerstört, wenn der Held sich künstlerisch weiterentwickelt bzw. wenn er in eine neue Rolle gezwungen wird. Was habt Ihr gedacht, als Ihr Christopher Reeves plötzlich nur noch in einer Ebene beschleunigen sehen konntet? Was denken die Amerikaner vom Terminator, der sich auf Sprücheklopfen in Kalifornien beschränkt und auf das Umlegen von Leuten mit 1500 Patronen aus zwei 20 Kilo schweren Kanonen in den Händen zwecks Meinungsbildung verzichtet. Ja, was haben die gedacht, als sie die Schlagzeile lesen mußten: “Terminator bekommt einen Bypass”. Sind wir denn schon so weit, daß Maschinen nun auch menschliche Gebrechen simulieren? Ja Mensch, was war das für eine Umstellung, als wir nicht mehr täglich den Kohl im Fernsehen hatten und was war das für ein Schock, Privatmann La Fontaine zu erleben. Was war das für ein Schock, als Heintje in den Stimmbruch kam, und heute ein Drittel der Deutschen den Tod des unglücklichen Jungen betrauert, unwissend, daß er noch unter dem Namen Hendrik Nikolaus Simons die Fernsehzuschauer weiter beglückt. Oh, ihr Helden, was ist mit Euch passiert?
Stellt Euch mal vor, Ihr seht William Shatner zum ersten Mal in T.J. Hooker. Ist das nicht seltsam? habt ihr nicht ‘Das ist doch Spock!’ gerufen, als Leonard Nimoy in einem schwar-weiß Agentenfilm auftauchte. Und stellt euch mal vor, Ihr seht Patrick Stewart live on stage in Unterhose! Ich habe es gesehen. Ich fürchte, Patrick Stewart ist auf immer und ewig mit der Rolle des Captain gebrandmarkt, denn irgendwie tief in mir drinnen, habe ich tatsächlich auf das markante Kommando ‘Engage.’ gewartet. Da paßt es nicht, daß der Captain in Unterhose auf der Bühne steht und ‘Fuck you.’ ruft. Dennoch, ich bin sehr froh, das Stück gesehen zu haben. Denn Patrick ist einer der erfolgreichsten und renomiertesten Künstler auf Londons Bühnen. Filme macht er so nebenbei. Entsprechend war das Publikum besetzt. Erstmal waren sehr viele Frauen im Publikum, teilweise in Abendgarderobe. Dann war das junge Volk im Gegensatz zu ‘We wil rock you’ definitiv in der Minderzahl. Ich hatte wirklich den Eindruck, daß die meisten kamen,um die schauspielerische Leistung zu sehen und nicht den Captain. Sowie im Grunde ich auch, jawohl.
Ich saß 10 oder 15m von ihm entfernt. Er spielte die Rolle eines alternden Schauspielers, der seinen blutjungen Kollegen, gespielt durch Joshua Jackson (Dawson’s Creek, Oceans 11), in die Welt des Theaters einführt. Mit der Zeit wird der junge besser und erfolgreicher und der Alte macht Fehler und wird verbittert. Insgesamt eine fabelhafte Darbietung und komisch obendrein. Der Titel des Stücks ist übrigens ‘A life in the theatre’. Somit spielen die zwei, was im Theater hinter den Kulissen passiert. Beeindruckend fand ich wie sie eine Konversation zum Besten geben und sich völlig unauffällig dabei in ihr Kostüm für die nächste Szene schälen. Völlig verblüffend. Hey und Patrick Stewart ist vielleicht muskulös, das glaubt Ihr mir nicht. Wer also auf klassisches Theater steht (Katrin, Kristin, Matthias, Frank?), dann solltet Ihr Euch das Stück ansehen. Wenn ihr mehr Hype haben wollt, geht in ein Musical.
Donnerstag. Oops, I did it again.
WE WILL ROCK YOU Ich habe es nicht ausgehalten und habe mir morgens wieder Tickets für die Show besorgt. Leider war die Show diesmal nicht so gut. Ich hatte diesmal einen hinteren Platz, neben mir eine fette Dame aus den Staaten, hinter mir zwei biertrinkende Gröllaffen, vor mir zwei Reihen von Sitzriesen, die aufgrund ihrer Zweireiher in die Sitzposition reingepreßt wurden und teilweise nicht wirklich Queen kannten und somit so gar nicht mitgegangen sind. Und überhaupt waren diesmal auf meiner Seite jede Menge deutscher Schüler offensichtlich auf Klassenfahrt. Auf der rechten Seite jede Menge britischer Schüler. Die rechte Hälfte hat mitgesungen und ordentlich Stimmung gemacht. Die deutschen kannten den Text nicht. Standing Ovations gab es lediglich auf der rechten Seite. Die linke war noch nicht so weit.Und die Anfänger vor mir dachten die Show wäre vorbei, als der Halbzeitvorhang fiel. Wären sie doch gegangen, hätte ich einen Sitzriesen weniger. Die Songs waren trotzdem cool.
Das nächste Mal, und das ist ein Plan, den ich in Erwägung ziehe, komme ich zur Abschlußshow, weil dann a) die Akteure ihr bestes geben, b) ihr davon ausgehen könnt, daß nur echte Queen Fans kommen, und c) es wahrscheinlich ist, daß Brian May selbst auf seiner Gitarre klampft.
Ich bin heiß. In einem fremden Land lebt man auf und macht Dinge, die man sonst nicht macht, weil man sich nicht traut bzw. weil man seinen guten Ruf nicht verlieren will. Also habe ich die Gelelegenheit genutzt, und Kamila kontaktiert. Who the hell is she? Irgendwie eine witzige Story. Ich bin Kamila direkt am ersten Tag in UCLIC begegnet, da sie gerade ein wenig Literatur von Paul haben wollte. Wir wurden uns gegenseitig vorgestellt, aber das war es auch. Einige Tage später habe ich Paul zu seiner Lehrveranstaltung begleitet. Sie war da und es hat sich herausgestellt, daß sie eine Studentin ist. Einige Tage später habe ich an einer Präsentationssession der Studenten teilgenommen und mir einfach ihren Namen gemerkt. Wieder eine Woche später bin ich über Ihre E-Mail Adresse gestolpert, und sie prompt angeschrieben. Sie hat dann auch zurückgeschrieben und wir haben uns auf diese Weise unterhalten. Am Donnerstag haben wir uns dann bei Sonnenschein zu einem Starbucks Kaffee getroffen. Es war sehr witzig, weil sie nicht genau wußte, was sie erwartet, zumal ich im Vorfeld treffsichere Vermutungen gemacht habe. Sie fragte mich ernsthaft, woher ich die Informationen habe. Ich habe richtig geraten, daß sie keine Britin ist, zumindest keine geborene Britin. Ich habe richtig geraten, daß sie vier Sprachen beherrscht und einiges mehr. Das Alter wollte sie mir dann doch nicht verraten. Und dann kam der Hammer. Sie spricht Englisch, Französisch, Latein und Polnisch!!! Zu geil, sie ist in Polen geboren und hat dort die Schule beendet. Wir haben trotzdem während des ganzen Gesprächs kein Wort polnisch gesprochen. Übrigens ist sie fertige Psychologin. Ich habe sie nicht gefragt, welches Problem sie dazu bewogen hat. Jedenfalls wollte sie die Verbindung zu HCI explorieren: “They are teaching crap.” Nothing to add.
Freitag. Mein letzter Arbeitstag bei UCLIC. Bücher zurückgeben. Schlüssel zurückgeben. Karten fürs Kino holen: ‘Constantine’ mit Keanu Reaves. Einen letzten Drink mit Kollegen einnehmen.
‘Constantine’ ist schlecht. Geht bloß nicht rein. Dafür kommt in einem Monat der “Hitchhikers Guide to the Galaxy” raus. Eine Hollywood Verfilmung mit vielen Special Effects. Im Kino war ich übrigens mit Jonathan+Freundin, Magda (Psychologin), Dominik, Simon+Freundin.
Simons Freundin ist Chinesin, die eigentlich in Australien lebt und sich spontan entschieden hat nach London zu ziehen und zu arbeiten.
Magda hängt eigentlich mit Jeremy und Simon zusammen, da die HCI Leute ursprünglich im Psychologengebäude untergebracht waren. Deswegen kennt sie einige von denen. Simon ist übrigens selbst ein studierter Psychologe. Das war mir neu.
Nach dem Kino sind wir ins Londoner Chinatown, wo wir sehr lecker Malayisch gegessen haben. Man muss aber die kleinen Gassen kennen, um zu den wirklich guten und günstigen Restaurants zukommen. Jo. Danach war der Abend zu Ende und wir sind unsere eigenen Wege gegangen. Habe ich eigentlich erwähnt, daß ich diese Woche auch koreanisch gefuttert habe. Schmeckt aber zu stark nach Fisch und wird eher kalt serviert. A propos Fisch, neulich habe ich in einem Cafe in einem Buchladen ein Sandwich gekauft. Ich habe mich über den unerhörten Preis geärgert, zumal das Sandwich nur mit Standardbeilagen ausgestattet war. Darüber hinaus roch das Baguette nach Fisch. Doch trotzt strengem Blick konnte ich keinen Thunfisch ausmachen, also aß ich mein Baguette. Gut, später hat sich herausgestellt, daß die Tomate keine war, sondern Seelachs. Aber da war das Baguette fast schon aufgegessen.
Am Samstag habe ich mir Zeit gelassen und bin erst am Nachmittag zum Leicester Square gezogen, wo ich mich mit Magda verabredet habe. Eigentlich wollten wir zuerst in eine Ausstellung, aber da das Wetter saugut war haben wir uns im Green Park niedergelassen. So habe ich erfahren, daß sie Senior Researcher ist, was soviel heißt, daß sie ihren Doktorgrad hat und an einem eigenen Projekt an der UCL arbeitet. Später sind wir entlang der Themse entlang geschlendert und haben uns im Tate Museum of Modern Art vor den Werken von einem Künstler namens ‘Boyst’(?) auf einer gemütlichen Ledercouch hingehockt und unser Gespräch bei einem Kaffee bis 22.00 Uhr fortgesetzt. Irgendwie gingen uns nie die Themen aus. Danach sind wir wieder durch Soho und Covent Garden geschlendert. Ach ja, Magda ist geborene Britin, ihr Vater aus dem Sudan, ihre Mutter aus Griechenland. Sie sieht eher arabisch aus, kommt wohl nach dem Vater, der übrigens von Deutschland ganz begeistert ist und schon fast flächendeckend bereist hat. Magda ist eine liberale Muslimin: trinkt zwar keinen Alkohol, raucht dafür, trägt keinen Schleier und pfeift auf ‘Keinen Sex vor der Ehe’. Sie weiß schon, was sie will. Vor allem keine Enttäuschung in der Hochzeitsnacht.
Sonntag. Entspannen. Packen. Schlüssel abgeben. Bett. Hoffentlich funktioniert mein Handy. Irgendwie läßt es sich nicht aufladen. Ah, mal wieder ein Softwarefehler. Reboot. Germany ich komme. Es wird auch wieder Zeit. Es wird zwar gerade frühlingshafter, aber meine Sehnsucht nach dem Fahrrad wird immer größer. Und ich habe mir für die nächsten Tage Urlaub genommen.
Montag. Auf auf, husch aus dem Bett, vorbei am schlafenden Volk zum letzten mal in die Tube und rein in den Stensted Express. Mal wieder Übergewicht nachbezahlt. ich meine das meines Koffers. Mal wieder Wartezeiten in Hahn. Grr.
In Saarbrücken angekommen stellt man einen Ich-bin-noch-nicht-da-Prozeß fest. Man wundert sich über die wenigen Menschen in der Bahnhofstraße, begrüßt Verkäufer mit einem ‘Hi’ oder ‘Hello’, drückt an Ampeln den Ich-will-grün-Schalter und geht über rot, wobei man sich vergewissert, daß beim Überqueren der ersten Straßenhälfte wirklich kein Auto von rechts kommt. Und in den nächsten Tagen nerve ich Euch mit Fotos und Sätzen, die wie folgt beginnen ‘In London war das so: …’, ‘Als ich in London war, …’, ‘In London habe die Erfahrung gemacht, daß … oder ‘Verglichen mit Singapur …’.
Feb 13
Einen großen Teil meiner Zeit in London verbringe ich mit Suchen. Ich bin auf der Suche nach einem Weg, einem Ausgang, einer Idee, einer Lösung, einer Toilette, einer Webseite, einem Geldautomaten, etwas Eßbarem, einem WLAN Netz, oder einfach nach einem Mülleimer. Entweder gibt es keine Mülleimer, oder sie sind nicht da, wo ich bin, sprich auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Und manchmal bin ich auf der Suche nach einer Tube Station.
Die Tube. Menschenmassen sitzen morgens und lesen Zeitung. Mir ist nie aufgefallen, daß eine bestimmte Zeitung besonders ins Auge fallen sollte: ‘Metro’. Erst als ich neulich einen Artikel auf Spiegel online gelesen habe, wonach der Springer Verlag eine kostenlose Tageszeitung nach dem britischen Vorbild ‘Metro’ in Deutschland zu etablieren versucht. Aha. Das macht Sinn. Deswegen so viele Zeitungsleser. Trotzdem habe ich noch nicht herausgefunden, wo ich die Zeitung an meiner Station bekomme.
Wieder auf der Straße stehe ich an der Kreuzung und lege mir eine Strategie zurecht, wie ich über die Kreuzung komme. Egal welchen Weg ich nehme, ich müßte über zwei Ampeln gehen. Gut schauen wir uns mal um, welche auf Grün sind und nehmen dann den entsprechenden Weg. Macht man ja so in Deutschland. Noch während ich mich umschaue schalten alle(!) Fußgängerampeln auf grün. Wow, welche Effizienz! Perplex habe ich dann auch die Grünphase verpennt. Den Ampeln sollte man besser eh nicht trauen. Neulich bin ich bei grüner Fußgängerampel über eine recht befahrene Straße. Das Auto, das auf mich zukam, hatte auch grün. Olà!
Und im Übrigen, ich habe mich immer noch nicht an den Linksverkehr und an das über die Straße gehen, wann ich will, gewöhnt. Gerade abends, wenn ich aus dem Büro komme, fällt es mir schwer mich zu konzentriere. Blick auf den Boden. ‘Look right’, was war das nochmal? Ach ja, ich erinnere mich. Also schauen wir nach rechts und vergessen prompt, auch nach links zu schauen. Grrr.
Das Büro ist der Konzentrationskiller Nummer eins.
Vielleicht sollte ich an dieser Stelle einige Leute, mit denen ich zusammen arbeite beschreiben. Ich picke mir mal hierzu ein Büro aus, in dem die folgenden Personen sitzen: Brock, Simon, Sarah und Suizie.
Neulich habe ich mich wieder als Experementierhäschen angeboten. Suzie arbeitet an einem Interface für ein haptisches Gerät. Ein Gerät, das einem das Gefühl des Zeichnens/Malens mit verschiedenen Stiften vorgaukelt. Egal, jedenfalls sind wir ins Gespräch gekommen und es hat sich herausgestellt, daß sie aus Kuala Lumpur (Malaysia) ist. Ihr Bruder lebt in Johor Bahru, eine Stadt, die eine direkte Brückenverbindung zu Singapur hat. Ich war sogar für einge Stunden in Johor Bahru. Jedenfalls haben wir uns ausgetauscht. Es war sehr lustig, weil ich inzwischen einiges über Ihr Land wußte, und entsprechend auch nach neuen Reisezielen fragen konnte. Außerdem haben wir natürlich das Wetter verglichen. Sie meint, daß sie sich mittlerweile so sehr an das britische Wetter gewöhnt hat, daß es ihr in Malaysia zu heiß ist. Suzie hat übrigens einen interessanten Konversationsstil. Jedesmal, wenn sie sich an mich wendet, nennt sie erst meinen Namen. Bei jedem dritten Satz höre ich dann meinen Namen und dann die Message.
Zusammen mit Suzie im Büro sitzt das vermeintliche Nesthäkchen Sarah. Sie sieht aus wie eine 20-Jährige, die gerade ihr Studium beendet und ihr PhD gestartet hat. Die Wahrheit ist, sie ist 28, trägt einen Ehering und hat einen Herzanhänger um ihren Hals. Sie kommt aus Saudi Arabien, hat in den USA ihren Master in Computer Science gemacht und macht nun seit zwei Jahren ihren PhD an der UCL in Human Computer Interaction. Zwischen Master und PhD hat sie einige Zeit an der Uni in Saudi Arabien Erstsemestler unterrichtet. Wow. Sie trägt kein Kopftuch. Scheint eine moderne Muslimin zu sein. Nebenbei bemerkt arbeitet ihr Ehemann in der Saudi Arabischen Botschaft in London. Sarahs Arbeit beinhaltet die Untersuchung von verschiedenen modernen Input Devices, die über Standardfunktionalitäten einer Maus hinausgehen. Also, was ist ergonomisch sinnvoll und wie kann es in welchem Kontext genutzt werden.
Brock, der Name hat etwas heldenhaftes, einer Comicfigur entnommenes, er ist Amerikaner aus Texas. Zur Zeit fühlt er sich nur nicht ganz so wie ein Amerikaner. Er ist jedenfalls sehr gerne in London und insbesondere an der UCL. Er untersucht die Benutzbarkeit und Aussagekraft von Diagrammen, die Masseninformationen grafisch aufbereiten. Es gibt viele Diagramme, die dem menschlichen Gehirn nicht auf Anhieb zugänglich sind. Und je mehr Informationen man darstellen will, desto schwieriger wird es. Brock untersucht und entwirft Schnittstellen, die den kognitiven Fähigkeiten des Menschen entsprechen. Sehr interessante Arbeit. Brock ist übrigens derjenige in der Gruppe, der regelmäßig Bouldern geht.
Simon ist asiatischer Herkunft. Er ist inzwischen mehrfach zwischen London und Hongkong hin und her gezogen. Er beschäftigt sich mit menschlichen Fehlern. Warum machen Menschen Fehler und warum verleiten manche Schnittstellen einen Menschen zum Fehlermachen.
Ein weiterer Amerikaner ist Jason. Jason wohnt ganz in der Nähe der UCL, und insbesondere von UCLIC. Er hat sich überlegt, ob es denn Wert ist, Geld zu sparen und in die Außenbezirke zu ziehen. Dann hat er aber ausgerechnet, daß es sich nicht lohnt, weil er hohe Ausgaben für die Tube hätte und dabei auch noch genug Zeit für das Pendeln verliert. So wohnt er sehr zentral. Für seine Wohnung, die etwas größer als die meine ist, zahlt er 1000 Pfund. Es sind wirklich Pfund! Entspricht ca. 1500 Euro. Entspricht ca. 3000 DM, nur um mal die Größen zu verdeutlichen. Ich habe nicht gefragt, was er verdient, aber anscheinend genug, um sich das leisten zu können. Vielleicht muß er an anderer Stelle Abstriche machen. Habe ich bisher noch nicht gefragt.
Und nun zu einem vollkommen anderen Thema.
Endlich war es soweit, ich war am Dienstag im Queen Musical ‘We will rock you’. Jeder, der ein Queen Fan ist, sollte
unbedingt da rein. Die Story ist zwar simpel, aber sie macht Sinn. Und ich kann mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, wie man Queen Songs besser in ein Musical einbauen sollte. Die Geschichte spielt in der Zukunft. Die Gesellschaft, insbesondere die Kids sind mehr oder weniger gleichgeschaltet (Gaga Kids). Die Musik wird nur noch programmiert. Das Spielen von elektronischen Instrumenten ist verboten. Um präzise zu sein, gibt es keine elektronischen Instrumente mehr, da sie alle vernichtet wurden. Das Wissen über die alten Rocker ist vergessen. Nur noch Bruchstücke ohne Kontext haben die Zeit überdauert. Der Legende nach wird eines Tages einer kommen, der die Welt der Legenden wieder zum Leben erweckt und somit das System der Gleichschaltung stürzt. Naja. Story ist eh egal.
Die Künstler auf der Bühne waren großartig. Die haben Stimmen, das ist unfaßbar. Nach jedem Song gab es einen riesigen Jubel. Am Ende gab es Standing Ovations. Die Stimmung im Saal war wie bei einem Rock Konzert und die Band, die unauffällig im Hintergrund gespielt hat, hätte Queen selbst sein können. Einfach der absolute Wahnsinn! Dummerweise saß ich in einer Lamerecke, wo die Leute sich nicht getraut haben, mitzugehen. Entsprechend dämlich waren dann auch meine verunsicherten Bewegungen. Aber was soll es. Ich hatte einen riesigen Spaß.
By the way. Meine nächste Freundin sollte eine Tänzerin sein. Die können sich vielleicht bewegen. So wie die mit der Hüfte an deinem Körper herumkreisen, gibt es extra gratis Standing Ovations.
Ich habe soeben gesehen, daß das Musical auch in Köln aufgeführt wird. Natürlich mit ganz anderen Künstlern. Wer also will.
Mittlerweile habe ich mir bei HMV zwei CDs gekauft: ‘The Producers’ und ‘We will rock you’. Noch Fragen? Übrigens werdet Ihr staunen, wer am Broadway eine der Hauptrollen in ‘The Producers’ gespielt hat: Matthew Broderick! Und er singt auch. Gar nicht so schlecht.
Eine kleine Anekdote zu HMV. Die verkaufen noch jede Menge LPs. Die Auswahl an Musikrichtungen ist auch ein wenig größer, als das, was man so in Deutschland bekommt. Mal wieder. Aber die müssen noch ein wenig an ihrer Preispolitik feilen: Eigentlich hatte ich noch ein wenig Zeit und bin bei HMV nur zum Reingucken gegangen. Irgendwann landete ich in der Abteilung für Musicals. Ich habe nach ‘We will rock you’ gesucht, aber nicht gefunden. Frustriert wollte ich mich aus dem Staub machen, als ich kurz vor dem Ausgang einen Ständer mit genau derselben CD erblicke. Schnäppchen für 7 Pfund. Cool, dachte ich mir, dann gehe ich wieder zurück zu den Musicals und hole noch ‘The Producers’. Bei den Musicals entdecke ich einen neuen Ständer, in der die Queen CD für 9 Pfund angeboten wird. Ich habe den günstigeren Preis bezahlt. Juhuu.
(HMV ist ein CD/DVD/LP Laden)
Es ist mittlerweile Samstag und Camden Town hat es bei mir nun endültig verschissen. Zwar findet man hier immer wieder extravagente Menschen und es macht Spaß denen zuzuschauen, aber auch nur aus der Ferne. Mein Groll gegen Camden Town hat sich vor zwei Wochen entwickelt, als ich am WE abends zu Fuß nach Hause wollte und ich das Gefühl hatte, daß nur das Pack auf der Straße hängt. Seitdem bin ich an Camden Town nur noch mit der Tube vorbeigefahren. Heute morgen wollte ich meine Tour mit Camden Town beginnen, da ich mir noch ein Sandwich kaufen wollte. Noch bevor ich eines fand und mit einem grumelnden Magen lief, sehe ich einen Typen mit einem leicht blutverschnierten Gesicht, der seinem Kumpel eine voll aufs Maul haut. Es klatsche. Das war kein Apetitmacher. Diese Typen waren eh nicht von dieser Welt und auf irgendeinem Trip, und sie konnten sich nicht klar artikulieren. Nach der Aktion noch viel weniger.
Man sieht recht viele zerstörte Existenzen. Man möchte meinen, denen hätte einer das Gehirn rausgeblasen und irgendwie vermutet man das Sankt Mungus Hospital in der Nähe. Diese Menschen ticken wirklich einfach anders.
Ich habe mein Sandwich dann in ‘Bank’ erhalten. ‘Bank’ ist eigentlich eine Underground Station, wo sich viele Banken befinden. Die berühmteste ist die Bank of England. Diese Gegend fehlte mir noch auf meiner Besichtigungstour. Und es war erstaunlich. Ich habe mir eigentlich nur einige wenige Sights ausgesucht, aber hinter jeder Straßenecke kam etwas neues und überraschendes zum Vorschein. Es gibt hier sowohl alte als auch neue Gebäude und Wolkenkratzer. Beides zusammen bildet manchmal einen sehr interessanten Kontrast. In der Regel bleiben die Traditionsunternehmen beim alten Baustil. Eine Ausnahme ist LLoyd’s. Dieses Gebäude sieht a) unfertig und b) wie eine Fabrik aus und bildet somit den größten Kontrast. Ich kann es kaum beschreiben außer höchstens mit dem Hinweis auf das Aachener Klinikum. Fotos haben es festgehalten.
‘Bank’ war eigentlich nur eine Zwischenstation, die auf dem Weg zu ‘Canary Wharf’, ‘Isle of Dogs’ und ‘Greenwich’ lag. London ist bekanntermaßen eine Seemannsstadt. Entsprechend gab es einen florierenden und großen Hafen im Osten Londons. Aus politischen, geologischen und wirtschaftlichen Gründen wurde der Hafen verlegt, vermute ich. Jedenfalls hatte man auf einmal viel nutzlose Fläche. Seit den 90er Jahren hat man versucht diese Fläche als ein modernes Bürozentrum zu erschließen. Mit Erfolg. Denn wo die Bürofläche in der City teuer und knapp ist, ist sie bei den Docklands günstig und sehr gut erschlossen. Hinzu kommt, daß es eine attraktive Gegend ist, direkt an der Themse durchzogen von mehreren Kanälen. Im Zuge der Büros haben sich Restaurants und weitere Dienstleister angesiedelt. Und es wird immer weiter sehr rege gebaut. Zur Zeit entstehen hier sehr schöne, moderne Appartementhäuser mit Blick auf die Themse oder halt auf eines der Bürohäuser. Hier läßt es sich leben. Und es ist ruhig.
Durch einen unterirdischen Fußgängertunnel kommt man auf die andere Seite der Themse, nämlich in Greenwich, an. Greenwich kennt man durch zwei Dinge: Cutty Sark, das bekannteste Segelschiff neben der Gorch Fork, und durch Greenwich Mean Time GMT. Ich weiß nicht genau, wie die Geschichte wirklich geht, aber durch das königliche Observatorium in Greenwich verläuft der Nullte Breitengrad/Längengrad(?). Obwohl ich in dem Observatorium war und einge Schilder im Museum gelesen habe, bin ich da eher durchgelaufen, weil es viel zu viele Touristen, Schulklassen und langweilige Führer gab. Jedenfalls hat England als eine Seefahrernation eben in Greenwich viel Forschung betrieben, wie man genau bestimmen kann, wie weit man sich im Osten bzw. im Westen befindet. Dieses Wissen ist enorm wichtig für die Sicherheit der Seefahrer. Das bestimmen des nördlichen bzw. südlichen Grades war relativ einfach mit einem Sextanten an den Sternen möglich. Im Greenwich Observatorium kann man im Museum nochmal die Geschichte nachschlagen. Dazu gehört eine Sammlung von Uhren, die eben bei der Bestimmung des östlichen bzw. westlichen Grades eine wesentliche Rolle spielten. Um die Position möglichst genau zu bestimmen, brauchte man halt sehr genaue Zeitmesser. Also entwickelte man hier Uhren. Danach hat man sich der Beobachtung der Himmelskörper gewidmet. Das Observatorium ist heute immer noch tätig, aber nur für Touristen. Das verwendete Teleskop wurde Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt und ist immer noch in Betrieb.
Übrigens gibt es hier ein außergewöhnliches Ticketsystem. An der Pforte steht einer, der genau überprüft, wer ein Eintrittsticket hat. Dieses holt man sich kostenlos am Ticketschalter ab. Mich laust der Affe. Die Briten haben den ABM Katalog erfunden. Und mich würde es nicht wundern, wenn Hartz 4 in wirklich Die Hard’s Four heißt. Zumal fast alle Bedienstete alte Männer sind.
Greenwich ist eigentlich ein Dorf. Aber es lebt von dem Touristenrummel. Nichtsdestotrotz findet man auch ruhige Hinterhofecken, wo Leute ähnlich einem Flohmarkt altes Zeug verkaufen. Manchmal ist man versucht, tatsächlich etwas zu kaufen, denn gerade die antiken Sachen sind sehr schön und günstg. Ich glaube, mir würde eine Truhe aus dem 18 Jh. in meiner Wohnung sehr gut gefallen. Nur fehlt mir die entsprechende Wohnung noch. Jedenfalls lohnt es sich in kleinen Gassen rumzustöbern.
In Greenwich befindet sich auch eine recht weitläufige Schloßanlage, die eigentlich als eine Art Sommerresident dienen sollte. Als das regierende Königspaar jedoch mitbekam, in welchem Zustand die für England kämpfenden Seefahrer in die Heimat kehrten, wurde die Anlage den Seefahrern als Anerkennung für ihre Dienste zur Verfügung gestellt. Dort konnten sie in Ruhe altern und ihre Wunden pflegen. Sehr großzügig. In der Haupthalle, wo das Essen aufgetischt wird, befindet sich eines der größten Deckengemälde der Welt. Der Maler ist in England durchaus berühmt, weil er der einzige seiner Art in England ist. Zur Fertigstellung des Gemäldes benötigte er insgesamt 19 Jahre. Während dieser Zeit, haben die Seefahrer unten in der Küche gegessen. Nach der Fertigstellung wurden sie gebeten, ihr Essen in der Halle einzunehmen. Als sie den Prunk sahen, verweigerten sie das Essen in der Halle, weil es nicht ihrer Klasse, ihrem Lebensstil entsprach.
Kommen wir zu einem Abschnitt, der speziell den Frauen unter uns gewidmet ist. London, die Stadt des Shoppens. Die Stadt der Reichen. Die Stadt der Mode. Von wegen Paris. Was man in London trägt, trägt man bald auch in Europa. An mancher Stelle habe ich bereits die halbnackten Damen erwähnt. Gut, die sollen jetzt nicht repräsentativ sein. Ich will meinen Kurzbericht lediglich auf Fußbekleidung fixieren. Der letzte Schrei in London sind kniehohe spitzzulaufende Lederstiefel. Dazu trägt man eine hautenge Jeans, so daß der Stiefel über der Jeans getragen wird. Kaum gesagt, sehe ich schon eine Alternative. Es handelt sich um 3/4 Jeans, damit es um den Unterschenkel nicht zu eng wird. Diese trägt man dann wohl auch gerne im Frühjahr in Kombination mit leichten Sommerschuhen. Der zweite Schrei ist das Tragen von hellbraunen Eskimostiefeln. Hierzu dürfen auch normale Jeans getragen werden, die in die Stiefel gesteckt wird. Es gibt aber auch die Geschmacksverirrten. Diese tragen gelbe, rote, silberne oder goldene Schuhe, die mit dem Rest der Kleidung überhaupt nichts zu tun haben. Es kann sich nur noch um den Restbestand eines Cinderella Kostüms handeln, der als einziger nach all den Jahren noch paßt. Gott sei Dank wachsen Füße nicht im selben Maße wie der Umfang mancher Menschen. Uff.
Persönlich präferiere ich die moderne, klassische Frau. Auch das sollte kein Problem in London sein.
Toll, technisch gesehen war der Samstag nicht mein Tag. Nachdem ich zu Hause ein Bad genommen habe, hat sich mein heißgeliebter Föhn für damals 5 DM verabschiedet. Kurz zuvor habe ich festgestellt, daß meine Digicam ihr Objektiv nicht ausfahren kann.Ich weiß nicht, woran es liegt und zu einem hiesigen Verkäufer will ich auch nicht. Wußtet Ihr, daß die Kampagne ‘Kinder statt Inder’ ein voller Erfolg war? Ich glaube, die sind alle nach London und haben sich mit dem Verkauf von IT Geräten selbständig gemacht.
Jedenfalls ärgert mich der Verlust von beiden.
Sonntag. Den Vormittag habe ich vertrödelt. Ein wenig Erholung, weil mir die Füße von den vielen Wanderungen weh taten. Bin erst Mittags zum Hampstead Heath logezogen. Dies ist ein großer Park bei mir in der Nähe, ein beliebtes Naherholungsgebiet. Im Winter ist es nicht der Rede wert. Und die Wohnviertel drumherum mögen zwar ok sein, aber mir fällt zunehmendst auf, daß ganze Straßenzüge gleich aussehen. Oh je, wie das der Beschreibung des Privet Drive gleicht. Ich glaube, Joanne sieht ihr Land aus den Augen eines Nicht-Briten.
Auf dem Rückweg bin ich mal wieder durch Camden Town gestapft. Ich wollte da nicht hin, aber meine Suche nach der nächsten Tube Station führte mich unweigerlich daran vorbei. Und plötzlich bin ich auf dem angesagten Camden Town Market gelandet, auf dem hauptsächlich Klamotten verkauft werden. Ich war baff. Wer wirklich coole und ausgefallene Klamotten tragen will, der wird sie hier finden. Wahnsinn. Wenn Ihr etwas über Londons Teens und Twens im Fernsehen gesehen habt, und Ihr Euch fragt, wo man sowas kaufen kann, dann seid Ihr hier richtig. Ich war nur kurz da, aber den Markt möchte ich gerne nochmal besuchen und mein letztes Geld verprassen.
Ein Laden auf diesem Markt sticht heraus. Um in diesem Laden arbeiten zu dürfen, muß man etwas besonderes sein. Das heißt, man muß mindestes ein Punk sein, noch beser ein Cyborg! Ohne Schmu. Die Verkäufer waren viel interessanter als die Klamotten. Sie sind nett, hilfsbereit und sehr sauber, aber eine Qual für jeden Sicherheitsbeamten am Metalldetektor. Krass. Die Klamotten waren aber auch nicht schlecht. Der Trend, T-Shirts mit LED Anzeigen auf der Brust. Abgefahren!
Die Hauptattraktion des Tages war das British Museum, berühmt für seine Mumienausstellung. Und wie bitter ist es, vor der Mumie von Cleopatra zu stehen und die Digicam ist kaputt. Nicht zum ersten Mal habe ich bereits an diesem Tage geflucht. Und sie ist nichtmal das Highlight des Museums! Das ist nämlich der ‘Rosetta Stone’, benannt nach dem geographischen Ort. Ich wußte gar nicht, daß er existiert, und als ich es erfahren habe, war ich voll in seinen Bann gezogen. Auf dem Stein steht ein Text in drei Sprachen geschrieben: Griechisch, Demotic(?) und in ägyptischer Hieroglyphenschrift. Da die Sprach- und Schriftwissenschaftler Griechisch bestens kannten, warun sie nun in der Lage innerhalb von 25 Jahren die Hieroglyphenschrift zu entziffern. Ich habe die meiste Zeit bei den Ägyptern im Museum verbracht. Auch die Ausstellungen zu Assyrern, Griechen und Römern waren sehr gut. Ich wußte gar nicht, daß die hier eine ganze Menge von Skulpturen haben, die eigentlich ein Bestandteil des Panthenon in Griechenland sind. Da die Briten diese auf eigene Faust entfernt haben, ist ein offener Streit entbrannt. Heute ist man sich einig, daß es nicht die schlechteste Idee ist, da sonst Räuber ihren Reihbach machen würden. Die meisten Figuren des Panthenon sind somit heute über verschiedene Museen in Europa verteilt. Ein unfreiwilliger aber europäischer Gedanke.
Im Presentshop des britischen Museum hätte ich am liebsten einen ganzen Batzen Geld liegen lassen. Doch erstens hatte ich ihn nicht und zweitens habe ich keinen Platz im Koffer. Die haben hier so tolle Geschichtsbücher für Kinder, daß ich am liebsten einige gekauft hätte. So habe ich mir die Titel aufgeschrieben und werde sie von Deutschland aus per Amazon bestellen.
Oh je, das liebe Geld. London ist teuer und es wird noch teurer, weil ich mir noch so viele Wünsche in der nächsten Zeit erfüllen will.
Ich habe das britische Musuem durch den Haupteingang verlassen und mich wieder über meine Digicam geärgert. Frustriert suchte ich nach dem Weg zur Tottenham Court Road und wißt Ihr was, ich habe mich wieder in derselben Gegend verlaufen, wie zwei Wochen zuvor. Grrr. Unterwegs bemerkte ich zudem, daß meine Schokokekse aus der Tüte in meiner Jackentasche zerbröselten und sich in der Jackentasche verteilten. In wie es der Zufall will, war mal wieder kein Mülleimer weit und breit zu sehen. Begib Dich auf die Suche, Martin.
Feb 13
Meine erste Woche in London ist vergangen, wird also Zeit, meinen Bericht wieder aufzunehmen. Hier ein weiterer Bericht der Seltsamkeiten Londons.
Die Tube ist schon klasse. Nicht nur, daß sich die Stationen alle unterscheiden, und daß die Underground selbst zum Souvenierverkaufsschlager geworden ist. Sie ist wirklich ein kleines Abenteuer. Hin und wieder bleibt mal ein defekter Wagen stehen. Dann haben die Leute ein Problem. So wie Robert der Sohn des Hauses, der neulich drei Stunden brauchte, um nach Hause zu kommen. Da er quasi bei mir um die Ecke arbeitet, hat er den gleichen Heimweg, der maximal Tür bis Tür 45 Minuten dauert. Übrigens, wer die Wahl hat, sollte unbedingt die Treppe anstatt den Aufzug nehmen, um zur Underground zu kommen. Ihr tretet einem Föhn entgegen, der nicht schlecht ist. Ich lasse gerne mal einige Leute und langhaarige Frauen den Vortritt, um mir das Schauspiel anzuschauen.
Die Tube scheint eines meiner Lieblingsthemen zu werden. Ich habe die Leute mal beobachtet. Die meisten sitzen auf ihren Plätzen und lesen Zeitung. Ist schon interessant wie sich die Kulturen unterscheiden. In Singapur spielen sie an ihren Handies oder MP3 Sticks. Wie auch immer, jetzt verstehe ich auch, warum es eine Abendausgabe von Zeitungen gibt. So haben die Leute auch auf dem Rückweg etwas zu lesen. Und sie bleiben up to date. Dieser Zeitungskonsum wirft neue Probleme auf. Wohin mit der Zeitung, wenn man sie ausgelessen hat bzw. wenn man die Tube verläßt? Na klar, Mülltrennung ist angesagt. So steht vor den Eingängen zu den Undergroundstationen einfach eine kleine Armada von Mülleimern mit Aufschrift ‘Newspapers only.’ Mittlerweile kaufe ich regelmäßig die Times.
Neulich war ich übrigens bei Subway ein Baguette essen. Hinter der Theke stehen drei Leute. Dem ersten sagst Du die Größe deines Baguettes und was da Besonderes rein muß. Bei mir war es ‘Chicken’. Dann wirst Du weitergereicht. Dem nächsten erklärst Du, was sonst noch auf das Baguette soll: Salat, Käse, Gurken, Tomaten. Außerdem welche Soße drauf soll. Die Auswahl erscheint auf den ersten Blick schwierig, da sie vielfältig ist. Da mein Vokabular beschränkt ist, wähle ich Ketchup. Wieder werde ich weitergereicht und lande an der Kasse, wo ich noch schnell ein Getränk ordere und bezahle. Mit dem linken Ohr horche ich, welche Soße mein Nachfolger ordert, damit ich mehr Varianten streuen kann. Ich habe nun mein Riesenbaguette in der Hand, was eigentlich unter Medium läuft und will mir einen schönen Tisch suchen. In dem Moment realisiere ich, daß dieses Subway ein Internatcafe ist, mit so um die 50 Plätze. Vielleicht auch mehr. Ich fand aber auch so einen kleinen Tisch ohne Monitor. Beim Rausgehen sehe ich übrigens, wie einer bewußtlos unter dem Tisch liegt. Hoffentlich hatte er ein anderes Baguette als ich. Da hier neben schönen und freundlichen Menschen viel Wirres läuft, war mein Samariterinstinkt nicht sonderlich ausgeprägt. Also bin ich in Richtung Oxford Circus weitermarschiert.
Eine der Studentinen, eine leicht verpeilte Chinesin, macht ihre Masterarbeit an der UCLIC (meine Gruppe). Sie hat mir angeboten, mir ihre Arbeit zu zeigen. Sie untersucht Schnittstellen für haptische (den Tastsinn betreffende) Geräte. Genauer gesagt, hat sie ein Gerät zum Zeichnen bekommen. Der Arm des Gerätes hat sechs Achsen und ist in der Lage den Druck mit dem man den Stift bedient zu messen. Das Ziel ist es, die Arbeit eines Malers (Künstlers) zu erfassen und zu simulieren. Dabei soll sich das Gerät so natürlich wie möglich anfühlen. Ihre erste implementierte Version hat mich nicht zum Meister reifen lassen. Meine Bilder hatten gerade das Level ein Kindergartenkindes. Und selbst dieses hätte ein besseres Bild zeichnen können. Aber eigentlich wollte ich etwas anderes erzählen. Sie hat ihren Arbeitsplatz (ein cubicle) im neuen Computer Science Gebäude. Es ist ganz offensichtlich, daß dieses Gebäude von keinem Human Computer Interaction Experten entworfen oder kontrolliert wurde. Allerdings muß irgendjemand ganz besonders von Technik fasziniert gewesen sein uns hat somit seine Ideen einfließen lassen. Seitdem das Gebäude offiziel bezogen wurde kursieren Beschwerde E-Mails. Dieses Gebäude ist intelligent. Intelligent insofern, daß es das Licht selbst einschaltet. In den Räumen gibt es nämlich keine Lichtschalter. Ein Bewegungssensor registriert, wenn sich jemand im Raum befindet und schaltete das Licht an. Toll, was? Der Nachteil ist, daß dieses besonders helle Licht, welches innerhalb von wenigen Stunden Kopfschmerzen verursacht, auch bei direkter Sonneneinstrahlung angeht. Dafür geht es aus, wenn die Leute ganz still sitzen. Mir tun jetzt schon alle Japaner in diesem Gebäude leid, die nun zu minimalen Bewegungen vor ihrem Rechner gezwungen werden, um die Lichtanlage ihre Arbeit tun lassen zu müssen.
Weitere Eigenarten sind die Zimmernummerierungen, der Lift und überhaupt. So findet Ihr den Raum 1.22 direkt neben 1.74. Wollt Ihr statt den zwei Aufzügen im Eingangsbereich die Treppe nehmen, geht ihr ins Treppenhaus, wo sich ein weitere Aufzug befindet. Und überhaupt sind die Gänge unübersichtlich und es gefällt mir nicht. Auch wenn manches davon sehr modern ist.
Das Wochenende ist vorbei und ich habe meine ersten Sightseeing Touren hinter mir. Ich werde nicht viel darüber schreiben, denn Ihr kennt es eh. Buckingham Palace, Downing Street 10, Westminster Abbey, National Gallery, Oxford Street, Piccadilly Circus, Tower Bridge, London Tower, Soho, Strand, Themse, etc.
Zu erwähnen ist, daß ich diese selfmade Touren in bitterer Kälte absolviert habe. Ich habe mir zudem vorgenommen, in ein oder zwei Musicals zu gehen. Ich versuche mir morgen Tickets für das Queen ‘We will rock you’ Musical zu besorgen. Alternativ bietet sich ‘A life in the theatre’ an mit Patrick Stewart als Hauptdarsteller. Ich weiß, daß er von der Bühne kommt und dort immer wieder spielt. Deswegen möchte ich ihn außerhalb seine atypischen Rolle als Captain Jean Luc Picard sehen. Ach ja, und ‘Stomp’ stehen mittlerweile ihr drittes Jahr auf der Bühne in London. Ein Musical mit Jason Donavan schenke ich mir.
Ich habe mir auch vorgenommen, einige Male das British Museum zu besuchen. Da meine Kollegen eher kurze Mittagspausen machen, werde ich schnelles mampfen mit Stundenbesuchen im Museum verbinden. Es liegt ja quasi in der Nachbarstraße meiner Arbeitsstätte.
Auf dem Rückweg durch Camden Town, fühlte ich mich am WE nicht ganz so sicher. WE heißt Party Time und das ruft so einiges auf die Straße. Frauen laufen verboten aufgedonnert durch die Gegend und ein Punk zieht an einem öffentlichen Geldautomaten sein Geld für den Abend. Außerdem stehen überall Leute rum, die Dir was verkaufen wollen. Manche gucken Dich verdächtig schief an und mancher ruft Dir im Vorbeigehen ‘Hashish’ ins Ohr. Aber solange man dies ignoriert, ist alles in Ordnung. Robert hat mir erzählt, daß er praktisch jedes WE in Camden Town verbringt und bisher ist ihm nichts passiert, Diese Leute gehören einfach zum Straßenbild. Und irgendwie stimmt es ja, denn es gibt auch jede Menge normaler Leuter hier. Außerdem gibt es viele Geschäfte und auch Touristen. Also kann es gar nicht so schlimm sein.
So, dann will ich Euch eine schöne Woche wünschen. Ich sammle weitere Eindrücke und werde sie Euch zuschicken.
Mrz 19
Im Februar/März 2005 und Oktober 2005 verbrachte ich einige Zeit in London. Insbesondere die Frühjahrszeit war sehr intensiv. Ich arbeitete an der UCL, genauer in der UCL Interaction Center Gruppe mit Paul Cairns und Jeremy Gow.
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