London Retro, Teil 5

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Disclaimer: Diese Mail enthält sexistische Formulierungen. Jedes Wort ist genauso gemeint. Der Autor weist darauf hin, daß er sich vom Disclaimer (siehe Disclaimer) distanziert.

Kollegen, Kollegen. Zweiter Teil. Ich sitze in einem Großraumbüro mit mehreren Postgraduates, Postdocs und einem Prof. Ich glaube, ich spare mir die Beschreibung einiger Leute, denn ich finde ihre Arbeiten langweilig. Für einen Informatiker ist Human Computer Interaction tatsächlich eher ein Zuckerguß als ein essentielles Thema. Das ist mein Problem.

Dennoch will ich Jeremy nicht auslassen. Er ist neben Paul die zweite für mich wichtige Person, denn er ist Informatiker, kommt aus der künstlichen Intelligenz, hat seinen PhD in Beweisplanung gemacht. Also eine optimale Kombination für mich. Somit unterhalten wir uns auch sehr viel. Jeremy scheint auf den ersten Blick etwas langweilig zu sein, aber er ist schwer in Ordnung. Problematisch ist nur sein Wasserzahn. Versuch ihn mal in einer Kneipe zu verstehen, wo die Musik laut ist, die Menschen reden und Du auch noch auf Englisch jedes Detail verstehen solltest. Manchmal reicht ein gelegentliches Nicken nicht. Insbesondere dann nicht, wenn Dir jemand eine Frage stellt. “You are deaf, man!”

Ah, Paul habe ich vielleicht schon mehrere Male erwähnt, aber nie richtig vorgestellt. Er ist einer der Dozenten hier und er hat für mich die richtige Einstellung: “Ich bin kein HCI Wissenschaftler. Ich verwende HCI für meine Wissenschaft.” Damit kann ich gelegentlich leben. Er kommt ursprünglich aus der Mathematik und beschäftigt sich nun damit, wie man mathematische Systeme benutzerfreundlich gestalten kann. Paul arbeitet hauptsächlich mit Jeremy zusammen. Paul ist übrigens eines dieser Genies. Er liest etwas, merkt es sich und vergißt es nicht. Das Problem mit diesen vermeintlichen Genies ist, daß sie Briten sind und einfach einen verdammten Vorteil bei der wissenschaftlichen Literatur haben. Egal, Paul ist sehr freundlich und hilfsbereit. Durch ihn habe ich wieder ein wenig Motivation und Ausblick für meine Diss bekommen. Denn irgendwie befinde ich mich immer noch im Nebel und suche nach einem Ausgang. Schon wieder diese Suche.

Dann gibt es noch Lydia. Sie kommt kommt aus der Ukraine ist aber in Chicago aufgewachsen. Sie habe ich auch bereits in der ersten Stunde kennengelernt. Und sie ist der Grund, warum ich seit neuestem den Yahoo Messenger verwende. Damit kommunizieren die zwischen den Büros. Lydia ist sehr witzig und irgendwie immer gut drauf. Wenn sie im Raum ist, dann verbreitet sie gute Laune. Ihre Arbeit beschäftigt sich übrigens mit Auswirkungen von Schnittstellen auf Gesellschaften und umgekehrt. Für mich nicht sehr spannend, aber so bekommt man auch sein PhD.

Zuletzt will ich noch George … erwähnen. Was er macht, weiß ich nicht. Er ist mir irgendwie suspekt. Eigentlich sollte er mir sympathisch sein, aber langsamsprechende, riesenbrillentragende Überflieger sind mir unsympathisch. Im Prinzip ist er wirklich in Ordnung, vielleicht habe ich ihn nur ein einem ungünstigen Moment erwischt. Er kam frisch aus Neuseeland nach 30 Stunden Reise ins Büro und hat da den ganzen Tag gearbeitet. Klar, mache ich auch, wenn ich wieder in SB bin. Wie gut, daß ich noch Resturlaub habe, den ich sofort verbrate. Ach ja, in seiner Freizeit schreibt er ein Buch. Nicht über HCI, nicht über Computer Science. Er ist ein wenig anspruchsloser, er schreibt über die Kolonialpolitik Großbritaniens. “Das gibt es schon”, werdet Ihr schreien. Naja zu den großen wichtigen Ländern gibt es auch Literatur, aber nicht zu den kleinen und unbedeutenden. Dazu gibt es wohl ein mittlerweile älteres Buch, das unvollständig ist und falsche Behauptungen enthält. George recherchiert im britischen Nationalarchiv und hat somit einige Irtümer entdeckt.

Bin ich der Einzige in dem Laden, der nix kann????

Neulich durfte ich aber glänzen. Als Deutscher spreche ich natürlich Deutsch. Als visiting reasearcher spreche ich natürlich Englisch. Als Chicagobesucher habe ich mich als Polnisch sprechender Mensch geoutet. Und als Lydia neulich ihre Französischgrammatik übte, habe ich sie berichtigt und mich somit als ein multilinguales Talent in Szene gesetzt. Danke Seb für die Gesamtausgabe Asterix auf Französisch!!! Und Fuck You Britain!!!

The very last person for today soll Vivian sein, unsere Bulldoge im Haus, die ganz genau aufpaßt, wer ins Haus kommt. In ihrer Politessenuniform und strengem Blick, haben es zwielichtige Gestalten schon sehr schwer. Dafür ist sie zu den im Haus arbeitenden Leuten umso freundlicher. Jeden nennt sie ‘Darling’. Nicht, daß ich das bei meinen Kollegen gehört hätte, aber das muß so sein. Warum sollte sie das sonst zu mir sagen? Sie ist nicht wirklich attraktiv. Ich meine, den ganzen Tag rumsitzen und schauen wer ins Gebäude kommt und wer es verläßt ist nicht wirklich fettverbrenned.

Ein Detail am Rande, Vivian ist eine Farbige. Das schreibe ich aus zwei Gründen. Zum einen ist mir aufgefallen, daß ich häufiger mal die Paar-Kombination ‘Farbiger Mann, weiße Frau’ gesehen habe, aber nicht umgekehrt. Zum anderen, weil ich gelegentlich, aber lediglich, farbige Frauen gesehen habe, auf die die Beschreibung ‘Höhe x Breite x Tiefe’ im Brustbereich sehr gut zutrifft. Ein Wunschtraum vieler Mäner, folgt man diversen Magazinen und Filmstars. Unter den HCI Studenten ist ein Mädel mit einem Brustumfang, der für schlagkräftige Links-Rechtkombinationen taugt. Der Haken: sie hat eine Heliumstimme. Ein Lustkiller! Das ist eine klassische One-Bagger Situation, nur auf akustischer Basis. Gibt es da ein Pendant? Kopfhörer für IHN? Lutscher für SIE?

Auf meine letzte Mail habe ich von Matthias Feedback bekommen, der anscheinend bei der Beschreibung der Schlägerei in Camden Town lachend auf dem Boden lag. Im Nachhinein finde ich es auch witzig, wie ein Typ seinem Kumpel einfach eine überbrät. Dabei möchte ich ein Detail nicht verschweigen, weil es das Bild noch komplettiert. Beide hatten jeweils ein Eimerchen mit gelben Tulpen in der Hand. Könnt Ihr Euch an die Szene aus ‘Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug’ erinnern, in der zwei friedlebende Buddhisten Blumen am Flughafen an die Reisenden verteilen, und der Oberretter im Vorbeigehen denen grundlos in die Fresse schlägt. So ähnlich war dies, nur in live, und die Buddisten erledigen es selbst.

Ach Camden Town! Da war noch so eine Szene, direkt an der Tube Station. Ein Bild für die Götter, womit ich schon beim Thema bin. Ein alter versoffener und bärtiger Mann predigt der hiesigen Grufftischar das Wort Gottes und hält dabei eine völlig zerfetzte Biebel in die Luft, die einem Hollywoodfilm entsprungen sein könnte. Sein Kumpel, im sowas von versoffenem Zustand gröllte irgendwelche Laute, die beim besten Willen nicht zu verstehen wären. Man konnte aber zumindest hineininterpretieren, daß er seinem predigenden Freund moralischen Beistand mitteilte. Sein Support (und er selbst auch) löste sich in Luft auf, als zwei Polizisten um die Ecke kamen. Da trifft eine Sünde auf die andere.

And now to something completely different …

Stellt Euch mal vor, Ihr wächst mit einem Helden auf, der nur eine Rolle verkörpert. Wie sehr wird da doch das Bild zerstört, wenn der Held sich künstlerisch weiterentwickelt bzw. wenn er in eine neue Rolle gezwungen wird. Was habt Ihr gedacht, als Ihr Christopher Reeves plötzlich nur noch in einer Ebene beschleunigen sehen konntet? Was denken die Amerikaner vom Terminator, der sich auf Sprücheklopfen in Kalifornien beschränkt und auf das Umlegen von Leuten mit 1500 Patronen aus zwei 20 Kilo schweren Kanonen in den Händen zwecks Meinungsbildung verzichtet. Ja, was haben die gedacht, als sie die Schlagzeile lesen mußten: “Terminator bekommt einen Bypass”. Sind wir denn schon so weit, daß Maschinen nun auch menschliche Gebrechen simulieren? Ja Mensch, was war das für eine Umstellung, als wir nicht mehr täglich den Kohl im Fernsehen hatten und was war das für ein Schock, Privatmann La Fontaine zu erleben. Was war das für ein Schock, als Heintje in den Stimmbruch kam, und heute ein Drittel der Deutschen den Tod des unglücklichen Jungen betrauert, unwissend, daß er noch unter dem Namen Hendrik Nikolaus Simons die Fernsehzuschauer weiter beglückt. Oh, ihr Helden, was ist mit Euch passiert?

Stellt Euch mal vor, Ihr seht William Shatner zum ersten Mal in T.J. Hooker. Ist das nicht seltsam? habt ihr nicht ‘Das ist doch Spock!’ gerufen, als Leonard Nimoy in einem schwar-weiß Agentenfilm auftauchte. Und stellt euch mal vor, Ihr seht Patrick Stewart live on stage in Unterhose! Ich habe es gesehen. Ich fürchte, Patrick Stewart ist auf immer und ewig mit der Rolle des Captain gebrandmarkt, denn irgendwie tief in mir drinnen, habe ich tatsächlich auf das markante Kommando ‘Engage.’ gewartet. Da paßt es nicht, daß der Captain in Unterhose auf der Bühne steht und ‘Fuck you.’ ruft. Dennoch, ich bin sehr froh, das Stück gesehen zu haben. Denn Patrick ist einer der erfolgreichsten und renomiertesten Künstler auf Londons Bühnen. Filme macht er so nebenbei. Entsprechend war das Publikum besetzt. Erstmal waren sehr viele Frauen im Publikum, teilweise in Abendgarderobe. Dann war das junge Volk im Gegensatz zu ‘We wil rock you’ definitiv in der Minderzahl. Ich hatte wirklich den Eindruck, daß die meisten kamen,um die schauspielerische Leistung zu sehen und nicht den Captain. Sowie im Grunde ich auch, jawohl.

Ich saß 10 oder 15m von ihm entfernt. Er spielte die Rolle eines alternden Schauspielers, der seinen blutjungen Kollegen, gespielt durch Joshua Jackson (Dawson’s Creek, Oceans 11), in die Welt des Theaters einführt. Mit der Zeit wird der junge besser und erfolgreicher und der Alte macht Fehler und wird verbittert. Insgesamt eine fabelhafte Darbietung und komisch obendrein. Der Titel des Stücks ist übrigens ‘A life in the theatre’. Somit spielen die zwei, was im Theater hinter den Kulissen passiert. Beeindruckend fand ich wie sie eine Konversation zum Besten geben und sich völlig unauffällig dabei in ihr Kostüm für die nächste Szene schälen. Völlig verblüffend. Hey und Patrick Stewart ist vielleicht muskulös, das glaubt Ihr mir nicht. Wer also auf klassisches Theater steht (Katrin, Kristin, Matthias, Frank?), dann solltet Ihr Euch das Stück ansehen. Wenn ihr mehr Hype haben wollt, geht in ein Musical.

Donnerstag. Oops, I did it again.

WE WILL ROCK YOU
Ich habe es nicht ausgehalten und habe mir morgens wieder Tickets für die Show besorgt. Leider war die Show diesmal nicht so gut. Ich hatte diesmal einen hinteren Platz, neben mir eine fette Dame aus den Staaten, hinter mir zwei biertrinkende Gröllaffen, vor mir zwei Reihen von Sitzriesen, die aufgrund ihrer Zweireiher in die Sitzposition reingepreßt wurden und teilweise nicht wirklich Queen kannten und somit so gar nicht mitgegangen sind. Und überhaupt waren diesmal auf meiner Seite jede Menge deutscher Schüler offensichtlich auf Klassenfahrt. Auf der rechten Seite jede Menge britischer Schüler. Die rechte Hälfte hat mitgesungen und ordentlich Stimmung gemacht. Die deutschen kannten den Text nicht. Standing Ovations gab es lediglich auf der rechten Seite. Die linke war noch nicht so weit.Und die Anfänger vor mir dachten die Show wäre vorbei, als der Halbzeitvorhang fiel. Wären sie doch gegangen, hätte ich einen Sitzriesen weniger. Die Songs waren trotzdem cool.

Das nächste Mal, und das ist ein Plan, den ich in Erwägung ziehe, komme ich zur Abschlußshow, weil dann a) die Akteure ihr bestes geben, b) ihr davon ausgehen könnt, daß nur echte Queen Fans kommen, und c) es wahrscheinlich ist, daß Brian May selbst auf seiner Gitarre klampft.

Ich bin heiß. In einem fremden Land lebt man auf und macht Dinge, die man sonst nicht macht, weil man sich nicht traut bzw. weil man seinen guten Ruf nicht verlieren will. Also habe ich die Gelelegenheit genutzt, und Kamila kontaktiert. Who the hell is she? Irgendwie eine witzige Story. Ich bin Kamila direkt am ersten Tag in UCLIC begegnet, da sie gerade ein wenig Literatur von Paul haben wollte. Wir wurden uns gegenseitig vorgestellt, aber das war es auch. Einige Tage später habe ich Paul zu seiner Lehrveranstaltung begleitet. Sie war da und es hat sich herausgestellt, daß sie eine Studentin ist. Einige Tage später habe ich an einer Präsentationssession der Studenten teilgenommen und mir einfach ihren Namen gemerkt. Wieder eine Woche später bin ich über Ihre E-Mail Adresse gestolpert, und sie prompt angeschrieben. Sie hat dann auch zurückgeschrieben und wir haben uns auf diese Weise unterhalten. Am Donnerstag haben wir uns dann bei Sonnenschein zu einem Starbucks Kaffee getroffen. Es war sehr witzig, weil sie nicht genau wußte, was sie erwartet, zumal ich im Vorfeld treffsichere Vermutungen gemacht habe. Sie fragte mich ernsthaft, woher ich die Informationen habe. Ich habe richtig geraten, daß sie keine Britin ist, zumindest keine geborene Britin. Ich habe richtig geraten, daß sie vier Sprachen beherrscht und einiges mehr. Das Alter wollte sie mir dann doch nicht verraten. Und dann kam der Hammer. Sie spricht Englisch, Französisch, Latein und Polnisch!!! Zu geil, sie ist in Polen geboren und hat dort die Schule beendet. Wir haben trotzdem während des ganzen Gesprächs kein Wort polnisch gesprochen. Übrigens ist sie fertige Psychologin. Ich habe sie nicht gefragt, welches Problem sie dazu bewogen hat. Jedenfalls wollte sie die Verbindung zu HCI explorieren: “They are teaching crap.” Nothing to add.

Freitag. Mein letzter Arbeitstag bei UCLIC. Bücher zurückgeben. Schlüssel zurückgeben. Karten fürs Kino holen: ‘Constantine’ mit Keanu Reaves. Einen letzten Drink mit Kollegen einnehmen.

‘Constantine’ ist schlecht. Geht bloß nicht rein. Dafür kommt in einem Monat der “Hitchhikers Guide to the Galaxy” raus. Eine Hollywood Verfilmung mit vielen Special Effects. Im Kino war ich übrigens mit Jonathan+Freundin, Magda (Psychologin), Dominik, Simon+Freundin.

Simons Freundin ist Chinesin, die eigentlich in Australien lebt und sich spontan entschieden hat nach London zu ziehen und zu arbeiten.

Magda hängt eigentlich mit Jeremy und Simon zusammen, da die HCI Leute ursprünglich im Psychologengebäude untergebracht waren. Deswegen kennt sie einige von denen. Simon ist übrigens selbst ein studierter Psychologe. Das war mir neu.

Nach dem Kino sind wir ins Londoner Chinatown, wo wir sehr lecker Malayisch gegessen haben. Man muss aber die kleinen Gassen kennen, um zu den wirklich guten und günstigen Restaurants zukommen. Jo. Danach war der Abend zu Ende und wir sind unsere eigenen Wege gegangen. Habe ich eigentlich erwähnt, daß ich diese Woche auch koreanisch gefuttert habe. Schmeckt aber zu stark nach Fisch und wird eher kalt serviert. A propos Fisch, neulich habe ich in einem Cafe in einem Buchladen ein Sandwich gekauft. Ich habe mich über den unerhörten Preis geärgert, zumal das Sandwich nur mit Standardbeilagen ausgestattet war. Darüber hinaus roch das Baguette nach Fisch. Doch trotzt strengem Blick konnte ich keinen Thunfisch ausmachen, also aß ich mein Baguette. Gut, später hat sich herausgestellt, daß die Tomate keine war, sondern Seelachs. Aber da war das Baguette fast schon aufgegessen.

Am Samstag habe ich mir Zeit gelassen und bin erst am Nachmittag zum Leicester Square gezogen, wo ich mich mit Magda verabredet habe. Eigentlich wollten wir zuerst in eine Ausstellung, aber da das Wetter saugut war haben wir uns im Green Park niedergelassen. So habe ich erfahren, daß sie Senior Researcher ist, was soviel heißt, daß sie ihren Doktorgrad hat und an einem eigenen Projekt an der UCL arbeitet. Später sind wir entlang der Themse entlang geschlendert und haben uns im Tate Museum of Modern Art vor den Werken von einem Künstler namens ‘Boyst’(?) auf einer gemütlichen Ledercouch hingehockt und unser Gespräch bei einem Kaffee bis 22.00 Uhr fortgesetzt. Irgendwie gingen uns nie die Themen aus. Danach sind wir wieder durch Soho und Covent Garden geschlendert. Ach ja, Magda ist geborene Britin, ihr Vater aus dem Sudan, ihre Mutter aus Griechenland. Sie sieht eher arabisch aus, kommt wohl nach dem Vater, der übrigens von Deutschland ganz begeistert ist und schon fast flächendeckend bereist hat. Magda ist eine liberale Muslimin: trinkt zwar keinen Alkohol, raucht dafür, trägt keinen Schleier und pfeift auf ‘Keinen Sex vor der Ehe’. Sie weiß schon, was sie will. Vor allem keine Enttäuschung in der Hochzeitsnacht.

Sonntag. Entspannen. Packen. Schlüssel abgeben. Bett. Hoffentlich funktioniert mein Handy. Irgendwie läßt es sich nicht aufladen. Ah, mal wieder ein Softwarefehler. Reboot. Germany ich komme. Es wird auch wieder Zeit. Es wird zwar gerade frühlingshafter, aber meine Sehnsucht nach dem Fahrrad wird immer größer. Und ich habe mir für die nächsten Tage Urlaub genommen.

Montag. Auf auf, husch aus dem Bett, vorbei am schlafenden Volk zum letzten mal in die Tube und rein in den Stensted Express. Mal wieder Übergewicht nachbezahlt. ich meine das meines Koffers. Mal wieder Wartezeiten in Hahn. Grr.

In Saarbrücken angekommen stellt man einen Ich-bin-noch-nicht-da-Prozeß fest. Man wundert sich über die wenigen Menschen in der Bahnhofstraße, begrüßt Verkäufer mit einem ‘Hi’ oder ‘Hello’, drückt an Ampeln den Ich-will-grün-Schalter und geht über rot, wobei man sich vergewissert, daß beim Überqueren der ersten Straßenhälfte wirklich kein Auto von rechts kommt. Und in den nächsten Tagen nerve ich Euch mit Fotos und Sätzen, die wie folgt beginnen ‘In London war das so: …’, ‘Als ich in London war, …’, ‘In London habe die Erfahrung gemacht, daß … oder ‘Verglichen mit Singapur …’.

London Retro, Teil 4

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Einen großen Teil meiner Zeit in London verbringe ich mit Suchen. Ich bin auf der Suche nach einem Weg, einem Ausgang, einer Idee, einer Lösung, einer Toilette, einer Webseite, einem Geldautomaten, etwas Eßbarem, einem WLAN Netz, oder einfach nach einem Mülleimer. Entweder gibt es keine Mülleimer, oder sie sind nicht da, wo ich bin, sprich auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Und manchmal bin ich auf der Suche nach einer Tube Station.

Die Tube. Menschenmassen sitzen morgens und lesen Zeitung. Mir ist nie aufgefallen, daß eine bestimmte Zeitung besonders ins Auge fallen sollte: ‘Metro’. Erst als ich neulich einen Artikel auf Spiegel online gelesen habe, wonach der Springer Verlag eine kostenlose Tageszeitung nach dem britischen Vorbild ‘Metro’ in Deutschland zu etablieren versucht. Aha. Das macht Sinn. Deswegen so viele Zeitungsleser. Trotzdem habe ich noch nicht herausgefunden, wo ich die Zeitung an meiner Station bekomme.

Wieder auf der Straße stehe ich an der Kreuzung und lege mir eine Strategie zurecht, wie ich über die Kreuzung komme. Egal welchen Weg ich nehme, ich müßte über zwei Ampeln gehen. Gut schauen wir uns mal um, welche auf Grün sind und nehmen dann den entsprechenden Weg. Macht man ja so in Deutschland. Noch während ich mich umschaue schalten alle(!) Fußgängerampeln auf grün. Wow, welche Effizienz! Perplex habe ich dann auch die Grünphase verpennt. Den Ampeln sollte man besser eh nicht trauen. Neulich bin ich bei grüner Fußgängerampel über eine recht befahrene Straße. Das Auto, das auf mich zukam, hatte auch grün. Olà!

Und im Übrigen, ich habe mich immer noch nicht an den Linksverkehr und an das über die Straße gehen, wann ich will, gewöhnt. Gerade abends, wenn ich aus dem Büro komme, fällt es mir schwer mich zu konzentriere. Blick auf den Boden. ‘Look right’, was war das nochmal? Ach ja, ich erinnere mich. Also schauen wir nach rechts und vergessen prompt, auch nach links zu schauen. Grrr.

Das Büro ist der Konzentrationskiller Nummer eins.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle einige Leute, mit denen ich zusammen arbeite beschreiben. Ich picke mir mal hierzu ein Büro aus, in dem die folgenden Personen sitzen: Brock, Simon, Sarah und Suizie.

Neulich habe ich mich wieder als Experementierhäschen angeboten. Suzie arbeitet an einem Interface für ein haptisches Gerät. Ein Gerät, das einem das Gefühl des Zeichnens/Malens mit verschiedenen Stiften vorgaukelt. Egal, jedenfalls sind wir ins Gespräch gekommen und es hat sich herausgestellt, daß sie aus Kuala Lumpur (Malaysia) ist. Ihr Bruder lebt in Johor Bahru, eine Stadt, die eine direkte Brückenverbindung zu Singapur hat. Ich war sogar für einge Stunden in Johor Bahru. Jedenfalls haben wir uns ausgetauscht. Es war sehr lustig, weil ich inzwischen einiges über Ihr Land wußte, und entsprechend auch nach neuen Reisezielen fragen konnte. Außerdem haben wir natürlich das Wetter verglichen. Sie meint, daß sie sich mittlerweile so sehr an das britische Wetter gewöhnt hat, daß es ihr in Malaysia zu heiß ist. Suzie hat übrigens einen interessanten Konversationsstil. Jedesmal, wenn sie sich an mich wendet, nennt sie erst meinen Namen. Bei jedem dritten Satz höre ich dann meinen Namen und dann die Message.

Zusammen mit Suzie im Büro sitzt das vermeintliche Nesthäkchen Sarah. Sie sieht aus wie eine 20-Jährige, die gerade ihr Studium beendet und ihr PhD gestartet hat. Die Wahrheit ist, sie ist 28, trägt einen Ehering und hat einen Herzanhänger um ihren Hals. Sie kommt aus Saudi Arabien, hat in den USA ihren Master in Computer Science gemacht und macht nun seit zwei Jahren ihren PhD an der UCL in Human Computer Interaction. Zwischen Master und PhD hat sie einige Zeit an der Uni in Saudi Arabien Erstsemestler unterrichtet. Wow. Sie trägt kein Kopftuch. Scheint eine moderne Muslimin zu sein. Nebenbei bemerkt arbeitet ihr Ehemann in der Saudi Arabischen Botschaft in London. Sarahs Arbeit beinhaltet die Untersuchung von verschiedenen modernen Input Devices, die über Standardfunktionalitäten einer Maus hinausgehen. Also, was ist ergonomisch sinnvoll und wie kann es in welchem Kontext genutzt werden.

Brock, der Name hat etwas heldenhaftes, einer Comicfigur entnommenes, er ist Amerikaner aus Texas. Zur Zeit fühlt er sich nur nicht ganz so wie ein Amerikaner. Er ist jedenfalls sehr gerne in London und insbesondere an der UCL. Er untersucht die Benutzbarkeit und Aussagekraft von Diagrammen, die Masseninformationen grafisch aufbereiten. Es gibt viele Diagramme, die dem menschlichen Gehirn nicht auf Anhieb zugänglich sind. Und je mehr Informationen man darstellen will, desto schwieriger wird es. Brock untersucht und entwirft Schnittstellen, die den kognitiven Fähigkeiten des Menschen entsprechen. Sehr interessante Arbeit. Brock ist übrigens derjenige in der Gruppe, der regelmäßig Bouldern geht.

Simon ist asiatischer Herkunft. Er ist inzwischen mehrfach zwischen London und Hongkong hin und her gezogen. Er beschäftigt sich mit menschlichen Fehlern. Warum machen Menschen Fehler und warum verleiten manche Schnittstellen einen Menschen zum Fehlermachen.

Ein weiterer Amerikaner ist Jason. Jason wohnt ganz in der Nähe der UCL, und insbesondere von UCLIC. Er hat sich überlegt, ob es denn Wert ist, Geld zu sparen und in die Außenbezirke zu ziehen. Dann hat er aber ausgerechnet, daß es sich nicht lohnt, weil er hohe Ausgaben für die Tube hätte und dabei auch noch genug Zeit für das Pendeln verliert. So wohnt er sehr zentral. Für seine Wohnung, die etwas größer als die meine ist, zahlt er 1000 Pfund. Es sind wirklich Pfund! Entspricht ca. 1500 Euro. Entspricht ca. 3000 DM, nur um mal die Größen zu verdeutlichen. Ich habe nicht gefragt, was er verdient, aber anscheinend genug, um sich das leisten zu können. Vielleicht muß er an anderer Stelle Abstriche machen. Habe ich bisher noch nicht gefragt.

Und nun zu einem vollkommen anderen Thema.

Endlich war es soweit, ich war am Dienstag im Queen Musical ‘We will rock you’. Jeder, der ein Queen Fan ist, sollte
unbedingt da rein. Die Story ist zwar simpel, aber sie macht Sinn. Und ich kann mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, wie man Queen Songs besser in ein Musical einbauen sollte. Die Geschichte spielt in der Zukunft. Die Gesellschaft, insbesondere die Kids sind mehr oder weniger gleichgeschaltet (Gaga Kids). Die Musik wird nur noch programmiert. Das Spielen von elektronischen Instrumenten ist verboten. Um präzise zu sein, gibt es keine elektronischen Instrumente mehr, da sie alle vernichtet wurden. Das Wissen über die alten Rocker ist vergessen. Nur noch Bruchstücke ohne Kontext haben die Zeit überdauert. Der Legende nach wird eines Tages einer kommen, der die Welt der Legenden wieder zum Leben erweckt und somit das System der Gleichschaltung stürzt. Naja. Story ist eh egal.

Die Künstler auf der Bühne waren großartig. Die haben Stimmen, das ist unfaßbar. Nach jedem Song gab es einen riesigen Jubel. Am Ende gab es Standing Ovations. Die Stimmung im Saal war wie bei einem Rock Konzert und die Band, die unauffällig im Hintergrund gespielt hat, hätte Queen selbst sein können. Einfach der absolute Wahnsinn! Dummerweise saß ich in einer Lamerecke, wo die Leute sich nicht getraut haben, mitzugehen. Entsprechend dämlich waren dann auch meine verunsicherten Bewegungen. Aber was soll es. Ich hatte einen riesigen Spaß.

By the way. Meine nächste Freundin sollte eine Tänzerin sein. Die können sich vielleicht bewegen. So wie die mit der Hüfte an deinem Körper herumkreisen, gibt es extra gratis Standing Ovations.

Ich habe soeben gesehen, daß das Musical auch in Köln aufgeführt wird. Natürlich mit ganz anderen Künstlern. Wer also will.

Mittlerweile habe ich mir bei HMV zwei CDs gekauft: ‘The Producers’ und ‘We will rock you’. Noch Fragen? Übrigens werdet Ihr staunen, wer am Broadway eine der Hauptrollen in ‘The Producers’ gespielt hat: Matthew Broderick! Und er singt auch. Gar nicht so schlecht.

Eine kleine Anekdote zu HMV. Die verkaufen noch jede Menge LPs. Die Auswahl an Musikrichtungen ist auch ein wenig größer, als das, was man so in Deutschland bekommt. Mal wieder. Aber die müssen noch ein wenig an ihrer Preispolitik feilen: Eigentlich hatte ich noch ein wenig Zeit und bin bei HMV nur zum Reingucken gegangen. Irgendwann landete ich in der Abteilung für Musicals. Ich habe nach ‘We will rock you’ gesucht, aber nicht gefunden. Frustriert wollte ich mich aus dem Staub machen, als ich kurz vor dem Ausgang einen Ständer mit genau derselben CD erblicke. Schnäppchen für 7 Pfund. Cool, dachte ich mir, dann gehe ich wieder zurück zu den Musicals und hole noch ‘The Producers’. Bei den Musicals entdecke ich einen neuen Ständer, in der die Queen CD für 9 Pfund angeboten wird. Ich habe den günstigeren Preis bezahlt. Juhuu.

(HMV ist ein CD/DVD/LP Laden)

Es ist mittlerweile Samstag und Camden Town hat es bei mir nun endültig verschissen. Zwar findet man hier immer wieder extravagente Menschen und es macht Spaß denen zuzuschauen, aber auch nur aus der Ferne. Mein Groll gegen Camden Town hat sich vor zwei Wochen entwickelt, als ich am WE abends zu Fuß nach Hause wollte und ich das Gefühl hatte, daß nur das Pack auf der Straße hängt. Seitdem bin ich an Camden Town nur noch mit der Tube vorbeigefahren. Heute morgen wollte ich meine Tour mit Camden Town beginnen, da ich mir noch ein Sandwich kaufen wollte. Noch bevor ich eines fand und mit einem grumelnden Magen lief, sehe ich einen Typen mit einem leicht blutverschnierten Gesicht, der seinem Kumpel eine voll aufs Maul haut. Es klatsche. Das war kein Apetitmacher. Diese Typen waren eh nicht von dieser Welt und auf irgendeinem Trip, und sie konnten sich nicht klar artikulieren. Nach der Aktion noch viel weniger.

Man sieht recht viele zerstörte Existenzen. Man möchte meinen, denen hätte einer das Gehirn rausgeblasen und irgendwie vermutet man das Sankt Mungus Hospital in der Nähe. Diese Menschen ticken wirklich einfach anders.

Ich habe mein Sandwich dann in ‘Bank’ erhalten. ‘Bank’ ist eigentlich eine Underground Station, wo sich viele Banken befinden. Die berühmteste ist die Bank of England. Diese Gegend fehlte mir noch auf meiner Besichtigungstour. Und es war erstaunlich. Ich habe mir eigentlich nur einige wenige Sights ausgesucht, aber hinter jeder Straßenecke kam etwas neues und überraschendes zum Vorschein. Es gibt hier sowohl alte als auch neue Gebäude und Wolkenkratzer. Beides zusammen bildet manchmal einen sehr interessanten Kontrast. In der Regel bleiben die Traditionsunternehmen beim alten Baustil. Eine Ausnahme ist LLoyd’s. Dieses Gebäude sieht a) unfertig und b) wie eine Fabrik aus und bildet somit den größten Kontrast. Ich kann es kaum beschreiben außer höchstens mit dem Hinweis auf das Aachener Klinikum. Fotos haben es festgehalten.

‘Bank’ war eigentlich nur eine Zwischenstation, die auf dem Weg zu ‘Canary Wharf’, ‘Isle of Dogs’ und ‘Greenwich’ lag. London ist bekanntermaßen eine Seemannsstadt. Entsprechend gab es einen florierenden und großen Hafen im Osten Londons. Aus politischen, geologischen und wirtschaftlichen Gründen wurde der Hafen verlegt, vermute ich. Jedenfalls hatte man auf einmal viel nutzlose Fläche. Seit den 90er Jahren hat man versucht diese Fläche als ein modernes Bürozentrum zu erschließen. Mit Erfolg. Denn wo die Bürofläche in der City teuer und knapp ist, ist sie bei den Docklands günstig und sehr gut erschlossen. Hinzu kommt, daß es eine attraktive Gegend ist, direkt an der Themse durchzogen von mehreren Kanälen. Im Zuge der Büros haben sich Restaurants und weitere Dienstleister angesiedelt. Und es wird immer weiter sehr rege gebaut. Zur Zeit entstehen hier sehr schöne, moderne Appartementhäuser mit Blick auf die Themse oder halt auf eines der Bürohäuser. Hier läßt es sich leben. Und es ist ruhig.

Durch einen unterirdischen Fußgängertunnel kommt man auf die andere Seite der Themse, nämlich in Greenwich, an. Greenwich kennt man durch zwei Dinge: Cutty Sark, das bekannteste Segelschiff neben der Gorch Fork, und durch Greenwich Mean Time GMT. Ich weiß nicht genau, wie die Geschichte wirklich geht, aber durch das königliche Observatorium in Greenwich verläuft der Nullte Breitengrad/Längengrad(?). Obwohl ich in dem Observatorium war und einge Schilder im Museum gelesen habe, bin ich da eher durchgelaufen, weil es viel zu viele Touristen, Schulklassen und langweilige Führer gab. Jedenfalls hat England als eine Seefahrernation eben in Greenwich viel Forschung betrieben, wie man genau bestimmen kann, wie weit man sich im Osten bzw. im Westen befindet. Dieses Wissen ist enorm wichtig für die Sicherheit der Seefahrer. Das bestimmen des nördlichen bzw. südlichen Grades war relativ einfach mit einem Sextanten an den Sternen möglich. Im Greenwich Observatorium kann man im Museum nochmal die Geschichte nachschlagen. Dazu gehört eine Sammlung von Uhren, die eben bei der Bestimmung des östlichen bzw. westlichen Grades eine wesentliche Rolle spielten. Um die Position möglichst genau zu bestimmen, brauchte man halt sehr genaue Zeitmesser. Also entwickelte man hier Uhren. Danach hat man sich der Beobachtung der Himmelskörper gewidmet. Das Observatorium ist heute immer noch tätig, aber nur für Touristen. Das verwendete Teleskop wurde Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt und ist immer noch in Betrieb.

Übrigens gibt es hier ein außergewöhnliches Ticketsystem. An der Pforte steht einer, der genau überprüft, wer ein Eintrittsticket hat. Dieses holt man sich kostenlos am Ticketschalter ab. Mich laust der Affe. Die Briten haben den ABM Katalog erfunden. Und mich würde es nicht wundern, wenn Hartz 4 in wirklich Die Hard’s Four heißt. Zumal fast alle Bedienstete alte Männer sind.

Greenwich ist eigentlich ein Dorf. Aber es lebt von dem Touristenrummel. Nichtsdestotrotz findet man auch ruhige Hinterhofecken, wo Leute ähnlich einem Flohmarkt altes Zeug verkaufen. Manchmal ist man versucht, tatsächlich etwas zu kaufen, denn gerade die antiken Sachen sind sehr schön und günstg. Ich glaube, mir würde eine Truhe aus dem 18 Jh. in meiner Wohnung sehr gut gefallen. Nur fehlt mir die entsprechende Wohnung noch. Jedenfalls lohnt es sich in kleinen Gassen rumzustöbern.

In Greenwich befindet sich auch eine recht weitläufige Schloßanlage, die eigentlich als eine Art Sommerresident dienen sollte. Als das regierende Königspaar jedoch mitbekam, in welchem Zustand die für England kämpfenden Seefahrer in die Heimat kehrten, wurde die Anlage den Seefahrern als Anerkennung für ihre Dienste zur Verfügung gestellt. Dort konnten sie in Ruhe altern und ihre Wunden pflegen. Sehr großzügig. In der Haupthalle, wo das Essen aufgetischt wird, befindet sich eines der größten Deckengemälde der Welt. Der Maler ist in England durchaus berühmt, weil er der einzige seiner Art in England ist. Zur Fertigstellung des Gemäldes benötigte er insgesamt 19 Jahre. Während dieser Zeit, haben die Seefahrer unten in der Küche gegessen. Nach der Fertigstellung wurden sie gebeten, ihr Essen in der Halle einzunehmen. Als sie den Prunk sahen, verweigerten sie das Essen in der Halle, weil es nicht ihrer Klasse, ihrem Lebensstil entsprach.

Kommen wir zu einem Abschnitt, der speziell den Frauen unter uns gewidmet ist. London, die Stadt des Shoppens. Die Stadt der Reichen. Die Stadt der Mode. Von wegen Paris. Was man in London trägt, trägt man bald auch in Europa. An mancher Stelle habe ich bereits die halbnackten Damen erwähnt. Gut, die sollen jetzt nicht repräsentativ sein. Ich will meinen Kurzbericht lediglich auf Fußbekleidung fixieren. Der letzte Schrei in London sind kniehohe spitzzulaufende Lederstiefel. Dazu trägt man eine hautenge Jeans, so daß der Stiefel über der Jeans getragen wird. Kaum gesagt, sehe ich schon eine Alternative. Es handelt sich um 3/4 Jeans, damit es um den Unterschenkel nicht zu eng wird. Diese trägt man dann wohl auch gerne im Frühjahr in Kombination mit leichten Sommerschuhen. Der zweite Schrei ist das Tragen von hellbraunen Eskimostiefeln. Hierzu dürfen auch normale Jeans getragen werden, die in die Stiefel gesteckt wird. Es gibt aber auch die Geschmacksverirrten. Diese tragen gelbe, rote, silberne oder goldene Schuhe, die mit dem Rest der Kleidung überhaupt nichts zu tun haben. Es kann sich nur noch um den Restbestand eines Cinderella Kostüms handeln, der als einziger nach all den Jahren noch paßt. Gott sei Dank wachsen Füße nicht im selben Maße wie der Umfang mancher Menschen. Uff.

Persönlich präferiere ich die moderne, klassische Frau. Auch das sollte kein Problem in London sein.

Toll, technisch gesehen war der Samstag nicht mein Tag. Nachdem ich zu Hause ein Bad genommen habe, hat sich mein heißgeliebter Föhn für damals 5 DM verabschiedet. Kurz zuvor habe ich festgestellt, daß meine Digicam ihr Objektiv nicht ausfahren kann.Ich weiß nicht, woran es liegt und zu einem hiesigen Verkäufer will ich auch nicht. Wußtet Ihr, daß die Kampagne ‘Kinder statt Inder’ ein voller Erfolg war? Ich glaube, die sind alle nach London und haben sich mit dem Verkauf von IT Geräten selbständig gemacht.

Jedenfalls ärgert mich der Verlust von beiden.

Sonntag. Den Vormittag habe ich vertrödelt. Ein wenig Erholung, weil mir die Füße von den vielen Wanderungen weh taten. Bin erst Mittags zum Hampstead Heath logezogen. Dies ist ein großer Park bei mir in der Nähe, ein beliebtes Naherholungsgebiet. Im Winter ist es nicht der Rede wert. Und die Wohnviertel drumherum mögen zwar ok sein, aber mir fällt zunehmendst auf, daß ganze Straßenzüge gleich aussehen. Oh je, wie das der Beschreibung des Privet Drive gleicht. Ich glaube, Joanne sieht ihr Land aus den Augen eines Nicht-Briten.

Auf dem Rückweg bin ich mal wieder durch Camden Town gestapft. Ich wollte da nicht hin, aber meine Suche nach der nächsten Tube Station führte mich unweigerlich daran vorbei. Und plötzlich bin ich auf dem angesagten Camden Town Market gelandet, auf dem hauptsächlich Klamotten verkauft werden. Ich war baff. Wer wirklich coole und ausgefallene Klamotten tragen will, der wird sie hier finden. Wahnsinn. Wenn Ihr etwas über Londons Teens und Twens im Fernsehen gesehen habt, und Ihr Euch fragt, wo man sowas kaufen kann, dann seid Ihr hier richtig. Ich war nur kurz da, aber den Markt möchte ich gerne nochmal besuchen und mein letztes Geld verprassen.

Ein Laden auf diesem Markt sticht heraus. Um in diesem Laden arbeiten zu dürfen, muß man etwas besonderes sein. Das heißt, man muß mindestes ein Punk sein, noch beser ein Cyborg! Ohne Schmu. Die Verkäufer waren viel interessanter als die Klamotten. Sie sind nett, hilfsbereit und sehr sauber, aber eine Qual für jeden Sicherheitsbeamten am Metalldetektor. Krass. Die Klamotten waren aber auch nicht schlecht. Der Trend, T-Shirts mit LED Anzeigen auf der Brust. Abgefahren!

Die Hauptattraktion des Tages war das British Museum, berühmt für seine Mumienausstellung. Und wie bitter ist es, vor der Mumie von Cleopatra zu stehen und die Digicam ist kaputt. Nicht zum ersten Mal habe ich bereits an diesem Tage geflucht. Und sie ist nichtmal das Highlight des Museums! Das ist nämlich der ‘Rosetta Stone’, benannt nach dem geographischen Ort. Ich wußte gar nicht, daß er existiert, und als ich es erfahren habe, war ich voll in seinen Bann gezogen. Auf dem Stein steht ein Text in drei Sprachen geschrieben: Griechisch, Demotic(?) und in ägyptischer Hieroglyphenschrift. Da die Sprach- und Schriftwissenschaftler Griechisch bestens kannten, warun sie nun in der Lage innerhalb von 25 Jahren die Hieroglyphenschrift zu entziffern. Ich habe die meiste Zeit bei den Ägyptern im Museum verbracht. Auch die Ausstellungen zu Assyrern, Griechen und Römern waren sehr gut. Ich wußte gar nicht, daß die hier eine ganze Menge von Skulpturen haben, die eigentlich ein Bestandteil des Panthenon in Griechenland sind. Da die Briten diese auf eigene Faust entfernt haben, ist ein offener Streit entbrannt. Heute ist man sich einig, daß es nicht die schlechteste Idee ist, da sonst Räuber ihren Reihbach machen würden. Die meisten Figuren des Panthenon sind somit heute über verschiedene Museen in Europa verteilt. Ein unfreiwilliger aber europäischer Gedanke.

Im Presentshop des britischen Museum hätte ich am liebsten einen ganzen Batzen Geld liegen lassen. Doch erstens hatte ich ihn nicht und zweitens habe ich keinen Platz im Koffer. Die haben hier so tolle Geschichtsbücher für Kinder, daß ich am liebsten einige gekauft hätte. So habe ich mir die Titel aufgeschrieben und werde sie von Deutschland aus per Amazon bestellen. :-)

Oh je, das liebe Geld. London ist teuer und es wird noch teurer, weil ich mir noch so viele Wünsche in der nächsten Zeit erfüllen will.

Ich habe das britische Musuem durch den Haupteingang verlassen und mich wieder über meine Digicam geärgert. Frustriert suchte ich nach dem Weg zur Tottenham Court Road und wißt Ihr was, ich habe mich wieder in derselben Gegend verlaufen, wie zwei Wochen zuvor. Grrr. Unterwegs bemerkte ich zudem, daß meine Schokokekse aus der Tüte in meiner Jackentasche zerbröselten und sich in der Jackentasche verteilten. In wie es der Zufall will, war mal wieder kein Mülleimer weit und breit zu sehen. Begib Dich auf die Suche, Martin.

London Retro, Teil 3

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Dieser beitrag hat einen Scrollbalken. Nehmt Euch ein wenig Zeit zum Lesen.

Und wieder eine Tube Story. Statistisch gesehen ist es sehr wahrscheinlich, daß man in London einen Tube break down erlebt. Und hoffentlich sitzt Ihr da nicht gerade in einer Tube drin. Ich bin diesem Szenario neulich knapp entgangen. Es war mal wieder einer dieser langen Tage. Völlig verpeilt habe ich dann auch eine Tube in den Norden genommen, die dummerwiese in Camden Town die andere Abzweigung gefahren ist. Na gut, dachte ich mir. Nächste
Station aussteigen, rüber zum Bahnsteig der entgegengesetzt fahrenden Tube latschen, und beobachten, wie die Ankunftszeiten korrigiert werden. Vielmehr läuft da ‘Correction’ über den Ticker und die Bahnanzeige stellt einfach auf die Ankunftszeit des nächsten Zuges um. Also habe ich so 20 Minuten auf die nächste Tube gewartet. Inzwischen kommt da so ein Typ in ausgelatschter Männerkleidung mit einer weißen(!) E-Gitarry vor der Brust an den Bahnsteig. Er fängt an zu klimpern. Sah so aus, als ob er sich die Zeit vertreibt und die Finger warm hält. Dann packt er seinen Verstärker aus und pluggt die Gitarre ein. Das hatte mehr Klang. Er klimpert weiterhin vor sich. Auf einmal wird daraus eine Melodie und hey, der kann wirklich sehr gut E-Gitarre spielen. Und Unterirdisch hat der Hall auch eine entsprechende Wirkung. Zu guter letzt fing er dann auch noch zu singen an. Ola, diese Stimme hatte Kraft und enormen Klang. Kurz bevor die Tube kam, hat er ausgestöpselt und Geld eingesammelt. Bis zu mir kam er nicht. Gott sei dank. Ich brauche mein Geld für Junk-Food.

Nachtrag zu den Newspaper Containern. Sie machen Sinn. Mein Stapel Zeitungen nimmt bedrohliche Maße an. Ich glaube, es ist wirklich besser, Abends die Zeitung in diesen Container zu schmeißen. Die News überfliegt man auch eher. Denn ob Prinz Charles auf seiner Indienreise zu Camilla befragt wurde, und ob die Ehe rechtens ist, warum sie nicht in der Windsorkapelle geschlossen werden kann, warum die Queen nicht an der Zeremonie teilnimmt und warum die Freundin von Prinz William dagegen ist, daß er daran teilnimmt, das muß man nicht ins Haus schleppen.

Und noch eine Tube Story. Mir ist neulich aufgefallen, daß Rolltreppen anders als in Deutschland verwendet werden. Wie anders? Nun, auf so eine Treppe passen zwei Leute nebeneinander. Die, die einfach nur stehen wollen, müssen auf der rechten Seite stehen. Diejenigen, die schnell vorwärtskommen wollen, die laufen die Treppe auf der linken Seite an den Stehenden vorbei. Mann habe ich am Anfang Blicke und “Excuse me”’s geerntet.

Neulich hat mich ein Bahnausfall am Morgen erwischt, was mich auf einen anderen Zug zwang. Damit ich nicht zu weit vom Kurs abweichen sollte, bin ich zwei Stationen früher ausgestiegen. Ist wirklich nicht weit von meinem Arbeitsplatz entfernt, aber ich habe derart die Orientierung verloren, daß ich selbst nicht mit Karte zurechtkam. Ich bin einfach in die Richtung gegangen, die die meisten Autos genommen haben. So bin ich wieder auf eine bekannte Hauptstraße gestoßen. Am liebsten möchte man sagen, die Häuser und Parks sehen alle gleich aus. Aber das stimmt nicht. Außerdem bin ich noch nie auf so eine penibel ausgeschilderte Stadt gestoßen.

Heute (Donnerstag) las ich in der Tube meine Times. Ein Artikel über die Buch-Bestsellerlisten ausgesuchter Länder der Welt erregte mein Interesse. Was glaub Ihr, ist nach deren Interpretation das meistgelesenste Buch der Welt? Na? Na klar, Harry Potter and the Half-Blood Prince! Das Buch steht wohl überall auf Platz eins der gefragtesten Bücher(!). Das Buch, daß tatsächlich zur Zeit am meisten gelesen wird ist der ‘Da Vinci Code’ von Dan Brown. Ich kann es bestätigen. Ich habe es bereits gelesen und wundere mich, daß ich täglich auf Leute in der Tube stoße, die es gerade lesen. Interessanterweise ist Dan Brown der(!) Autor in Frankreich. Er rangiert auf den Rängen 2, 7 und 10. Die französische Version, die englisch Version und ‘Angels and Demons’. Hinzu kommen Sekundärbücher über den ‘Da Vinci Code’ auf den Plätzen 4 und 5.

A propos, ich kann mich damit rühmen, ein echtes Werk von ‘Leonardo Da Vinci’ in der Nationalgallerie gesehen zu haben. Ich habe es sofort an dem Schild daneben erkannt. Das Bild hieß ‘Virgin of the rocks’. Für Interessierte an der Kunst kann ich noch Rubens, Vermeer, Rembrandt, Van Dyck, Van Eyck, Van Gogh, Michelangelo, Monet, Caravagio und viele andere ans Herz legen.

Neulich habe ich abends meine Landlady in der Küche getroffen. Es war schon spät und sie kam gerade von einem Poetry Kurs zurück. Das macht sie seit Kurzem als Hobby. Nun versucht sie sich weiterzubilden. Sie hat eine Idee und sie hat sich das ehrgeizige Ziel gesteckt, ihre Gedichte zu veröffentlichen. Ihre fantastische Idee besteht übrigens darin, 26 erotische Gedichte zu schreiben; zu jedem Buchstaben eines. Da ich mir das nicht ganz vorstellen konnte, bat ich sie um ein Beispiel. Mir fiel nichts anderes als der Buchstabe ‘P’ ein. Das ich da nicht rot angelaufen bin, muß ich wohl der Kälte zuschreiben. Später habe ich noch auf einen deutschen Dichter hingewiesen,
der ein Gedicht mit Titel ‘Die Scheiße’ geschrieben hat.

Irgendwann haben wir das Thema gewechselt und uns über das Cello der Tochter unterhalten.Dabei habe ich erfahren, daß so ein neuwertiges Cello verdammt viel Geld kostet, wenn es nicht von der Stange ist. So um die 12000 Pfund. Ihr Cello ist alt und wurde schon gebraucht gekauft. Nun hat sie sich zum Geburtstag ein neues gewünscht. Eines aus den deutschen Landen, 200 Jahre alt. Sie haben den Händler auf 8000 Pfund runtergehandelt. Any questions? In diesem Haus steckt mehr Geld drin, als man es ihm ansieht. Allein der Wert des Hauses in dieser Gegend übersteigt die 1.5 Mio. Pfund. Und wer es sich leisten kann, den Sohn auf die Westminster School zu schicken, der ist nicht von schlechten Eltern. Anja wird mir das hoffentlich bestätigen können. Manchmal frage ich mich, was die für Connection haben. Angeblich hatte meine Landlady eine Freundin, die mit dem Frontman von den Doors(?) liiert war.

Am Freitag habe ich Premiere gefeiert und mein erstes Musical gesehen. Und was für eines. Ich habe mich drei Stundenlang bei ausverkauftem Theater amüsiert. Es war nicht das schon mehrfach angekündigte ‘We will rock you’ Musical. Ich habe dafür keine Karten bekommen. Nein, es war das Mel Brooks Musical ‘The Producers’. Grandios!!!
Ich habe gelacht was das Zeug hielt. Die Schauspieler sind fantastisch. Es gehört schon sehr viel dazu, sowohl schauspielerisch, tänzerisch als auch musikalisch (singen) begabt zu sein. Das Musical handelt von einem Producerpaar, das das schlechteste Musical aller Zeiten am Broadway aufführen möchte, um damit illegal Zaster zu machen. Ob es klappt, will ich nicht verraten. Schaut Euch das Musical (Katrin, Frank, Matthias, Kristin: unbedingt) oder den Oscarprämierten Film selbst an. Übrigens, insbesondere die deutschsprachigen unter uns werden sich
ganz besonders gut amüsieren, sogar häufiger als die Briten, wenn Ihr des Englischen mächtig seid.:-)

Wer mehr wissen will: http://www.officiallondontheatre.co.uk. Dort findet Ihr auch die reduzierten Preise für Tickets, die Ihr am Leicester Square bezahlt. Allerding solltet Ihr so früh wie möglich die Tickets kaufen; also morgens(!). Aber ich rate Euch vom ‘Balkony’ Sitzplatz ab. Dort sitzt Ihr quasi unter dem Dach und habt einen sehr steilen Blick auf die Bühne. Zwar seht Ihr alles, aber es macht ein wenig mehr Spaß, wenn die Schauspieler Euch direkt anschauen. Außerdem wirken manche Einlagen besser, wenn Ihr unten sitzt. Das Theater selbst ist wunderschön. Es ärgert mich, daß ich an diesem Abend keinen Fotoapparat dabei hatte.

Ich weiß nicht, ob jedes Musical so gut läuft wie ‘The Producers’. Zumindest ist ‘We will rock you’ und ‘Mama Mia’ permanent ausverkauft. Aber das zeigt zumindest die hohe Akzeptanz dieser Art von Unterhaltung. Ich frage mich, wieso es in Deutschland nicht läuft. Zugegebenermaßen ist das Verteilen von Musicals auf mehrere Städte kein tolles Modell. Ich glaube, in London funktioniert es nur, weil es eine Weltmetropole ist und weil viele Touristen in der Stadt sind und Musicals besuchen. Schade für Deutschland.

Nach dem Musical bin ich nochmal zum Leicester Square einen Happen Essen. Abends trifft sich das nachtliebende Volk hier. Es gibt ja genügend Diskotheken und Kinos. Ich habe gehört, daß es in Deutschland kalt ist, genauso wie in London. An keinem Tag trage ich weniger als: Pulli, Winterjacke und Jack Wolfksin Schuhe. Was ich am Leicester gesehen habe, fällt in die Kategorie: “Schöhnheit tut weh!” Frauen, und ich rede wirklich von der Mehrzahl, in Miniröcken, freie Schultern oder weites Dekolté und Sandaletten. Keine Strümpfe, keine Strumpfhose, einfach nacktes Fleisch, der Witterung ausgesetzt. Mir blieb der Burger an der Lippe bei heruntergeklappter Kinnlade kleben. Was willst Du da noch sagen? “Fuck a duck and get stuck!”

Samstag. Endlich Wochenende. Das permanente Arbeiten schlaucht. Da mein Privatleben zwecks fehlender Freunde zu kurz kommt, arbeite ich abends häufig mal ein wenig länger. Bin so ein wenig produktiver. Dafür haut es mich am WE um, so daß ich einfach ein wenig länger im Bett bleibe. Naja, nicht zu lange, sonst kann ich nicht das erledigen, was ich mir vorgenommen habe. Heute war ich nämlich endlich in der Westminster Abbey. Ok, hier also finden die Krönungen, die Trauerfeiern und all die Hochzeiten statt. War ganz nett. Aber irgendwie wirkt sie ein wenig vollgestellt. Alles was mal einen Rang und Namen hatte, ist hier verewigt oder begraben. Nur als Beispiel: James Cook, Elisabeth I und mein Liebling Edward III. In alter Tradition habe ich in Gedenken an meine Familie und and die Verstorbenen eine Kerze in Westminster Abbey angezündet. Wer übrigens das Buch ‘König der purpurnen Stadt gelesen hat’wird immer wieder auf Spuren aus diesem Buch stoßen, insbesondere auf König Edward III und seinem Sohn den schwarzen Prinzen.

Danach bin ich zum London Tower gefahren, wo ich 3 oder 4 Stunden verbracht habe. Auch hier will ich nicht viel erzählen, denn das wißt Ihr selbst oder könnt es nachlesen. Ich fand es jedenfalls sehr aufregend. Ihr solltet auf alle Fälle an einer kostenlosen Führung mit einem der Yeoman Warden teilnehmen. Die sind lustig und haben viel zu erzählen. Der Brüller war, als er die Amerikaner in meiner Gruppe gefragt hatte, ob sie in London zum Lernen der Sprache da sind. Gelächter, aber keiner hat geantwortet. Daraufhin meinte er, daß ihn wahrscheinlich keiner verstanden hat. Gelächter. Zwei Punkte will ich doch erwähnen:

Erstens, es gibt Menschen, die in dem Tower leben. Darunter ein Arzt und ein Prister. Grund: über Nacht wird der Tower komplett abgesperrt, so daß keiner raus darf. Falls ein Notfall eintritt, dann ist ein Arzt und später auch ein Priester zur Stelle.

Zweitens, auf dem Gelände leben einige Raben. Der Legende nach heißt es, daß der Tower und das Land untergehen werden, falls es keine Rabenmehr auf dem Gelände geben sollte. Man hat sich also etwas einfallen lassen.

  • 6 Raben sind Pflicht. Zwei weitere werden noch gehalten.
  • Die Flügel der Raben sind einseitig gestutzt. So können sie also nur einseitig um den Turm fliegen und kommen nicht weg. Der Dienstälteste Rabe ist übrigens 21 und mittlerweile blind und in Pension.

Am Sonntag war ich endlich im Park, genauer im Hyde Park. Später auch im Kensington Park. Angeblich ist der Hyde Park die grüne Lunge Londons. Naja, das würde ich ich nicht unterstreichen. Aber es ist definitiv eine Art Naherholungsgebiet mit einem Teich, viel Wegen und vielen Freizeitmöglichkeiten. Sosieht man hier Läufer, Radfahrer, Inlineskater und Reiter. Wie bitte? Irgendwann muß man als Deutscher erkennen, das Reitsport einen wesentlich höheren Stellenwert hat als in Deutschland. So sollte man sich nicht wundern, wenn man parallel zur Straße und zum Fußweg einen eigens angelegten Reiterweg vorfindet. Pferde habe ich dennoch keine gesehen.

Da ich eigentlich auf dem Weg zm Science Musem war, bin ich an der Royal Albert Hall vorbeigekommen. Ein prächtiges Gebäude. Und in der Umgebung stehen viele derartige Gebäude. Ich vermute, daß es Wohnungen sind. Die dichte an Nobelkarossen nimmt hier eindeutig zu. Manchmal wird es einem unheimlich. Denn ich komme mir in meinen Winterklamotten under-dressed vor.

Das Science Museum ist klasse. Die meisten werden das eine oder andere Science Museum kennen. Ich habe eines nur in Chicago gesehen und der Unterschied zu diesem hier ist: es bietet nicht so viele Spielmöglichkeiten. In London kannst Du fast zu jedem Thema selbst experementieren. Irgendwo läßt sich immer ein Knopf drücken. Kein Wunder, daß die Eltern ihre Kinder mitbringen. Denn die haben ihren größten Spaß. Sie probieren alles aus und wollen noch mehr wissen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein deutsches Elternpaar gesehen habe, das ihrem
Kind die Technik in Einzelheiten erklärt. Mein persönliches Highlight war die Differenziermaschine von Charles Babbage. Ein Genie seiner Zeit. Es bereitete ihm Spaß zu seinen Clubtreffen, den Zuhörern eine neue
Maschine zu präsentieren.

Die Londoner haben mit ihren Museen ein unschätzbar wertvolles Juwel. Im Grunde dürfte man nicht, so wie ich heute, durch das ganze Museum rasen, um möglichst viel zu sehen. Richtig wäre gewesen, den Besuch auf mehrere
Tage zu verteilen, und jeden Besuch einem Thema zu widmen. Dann würde man viel schlauer nach Hause gehen. Ich habe von jedem ein wenig mitgenommen. So weiß ich nun das vergangene Wetter anhand von Baumringen zu deuten. Und ich weiß, daß die V2 Rakete tatsächlich von den Nazis verwendet wurde. Das war mir völlig unbekannt. Ich dachte immer, es wäre nur ein Forschungsprogramm. Weit gefehlt, über 1000 Stück haben die Nazis in Richtung Great Britain geschossen. Die Briten haben übrigens die Einschläge geheim gehalten, damit die Nazis nichts über ihre Erfolge erfuhren. So waren letztere dazu gezwungen, die britischen Zeitungen nach ungewöhnlichen Vorkommnissen zu studieren.

Ist man einmal mit dem Science Museum durch, geht man weiter zum Nature Museum. Hier wieder das gleiche Bild. Viele Eltern mit Kindern. Und auch hier ist das Musem so angelegt, daß man als Besucher viel ausprobiert und viellernt. In der Eingangshalle steckt erstmal ein riesiges Skelett eines Dinosauriers. Das wirkt! Kommt hinzu, das diese Halle der schönste Raum, den ich bisher in ganz London gesehen habe. Fantastisch! Das Musum ist ebenfalls riesig. Da ich mich nicht mit den Dinosauriern und mit den Tieren aufhalten wollte, bin ich zur Abteilung ‘Erdgeschichte’ gegangen: Vulkane, Entstehung von Fossilien, Erdbeben. Witzigerweise haben die dort einen Erdbebensimulator aufgebaut, der das Erdbeben von Kobe nachstellt. Naja, so witzig ist es nicht, aber lehrreich.

Genug gesehen. Vorbei an der Shoppingmeile der Reichen bin ich zu meiner Pizzeria gestampft, wo es für wenig Geld lecker schmeckt und wo man satt wird. Außerdem ist die Bedienung trotz enormen Stress immer gut gelaunt. Die Lächeln so häufig, daß ich mich persönlich angesprochen gefühlt habe. Ubrigens, wußtet Ihr, daß man hier unter einer Peperoni eine Salami versteht? Um das herauszufinden, habe ich die Bedienung nach der Pizza mit ‘Salami’ gefragt. Ich erntete ein ‘Where are you from?’ und wieder dieses Lächeln.

Und wenn wir schon bei der SPrache sind. Eine SMS heißt hier ‘text’ und ein Handy natürlich ‘mobile’.

London Retro, Teil 2

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Meine erste Woche in London ist vergangen, wird also Zeit, meinen Bericht wieder aufzunehmen. Hier ein weiterer Bericht der Seltsamkeiten Londons.

Die Tube ist schon klasse. Nicht nur, daß sich die Stationen alle unterscheiden, und daß die Underground selbst zum Souvenierverkaufsschlager geworden ist. Sie ist wirklich ein kleines Abenteuer. Hin und wieder bleibt mal ein defekter Wagen stehen. Dann haben die Leute ein Problem. So wie Robert der Sohn des Hauses, der neulich drei Stunden brauchte, um nach Hause zu kommen. Da er quasi bei mir um die Ecke arbeitet, hat er den gleichen Heimweg, der maximal Tür bis Tür 45 Minuten dauert. Übrigens, wer die Wahl hat, sollte unbedingt die Treppe anstatt den Aufzug nehmen, um zur Underground zu kommen. Ihr tretet einem Föhn entgegen, der nicht schlecht ist. Ich lasse gerne mal einige Leute und langhaarige Frauen den Vortritt, um mir das Schauspiel anzuschauen.

Die Tube scheint eines meiner Lieblingsthemen zu werden. Ich habe die Leute mal beobachtet. Die meisten sitzen auf ihren Plätzen und lesen Zeitung. Ist schon interessant wie sich die Kulturen unterscheiden. In Singapur spielen sie an ihren Handies oder MP3 Sticks. Wie auch immer, jetzt verstehe ich auch, warum es eine Abendausgabe von Zeitungen gibt. So haben die Leute auch auf dem Rückweg etwas zu lesen. Und sie bleiben up to date. Dieser Zeitungskonsum wirft neue Probleme auf. Wohin mit der Zeitung, wenn man sie ausgelessen hat bzw. wenn man die Tube verläßt? Na klar, Mülltrennung ist angesagt. So steht vor den Eingängen zu den Undergroundstationen einfach eine kleine Armada von Mülleimern mit Aufschrift ‘Newspapers only.’ Mittlerweile kaufe ich regelmäßig die Times.

Neulich war ich übrigens bei Subway ein Baguette essen. Hinter der Theke stehen drei Leute. Dem ersten sagst Du die Größe deines Baguettes und was da Besonderes rein muß. Bei mir war es ‘Chicken’. Dann wirst Du weitergereicht. Dem nächsten erklärst Du, was sonst noch auf das Baguette soll: Salat, Käse, Gurken, Tomaten. Außerdem welche Soße drauf soll. Die Auswahl erscheint auf den ersten Blick schwierig, da sie vielfältig ist. Da mein Vokabular beschränkt ist, wähle ich Ketchup. Wieder werde ich weitergereicht und lande an der Kasse, wo ich noch schnell ein Getränk ordere und bezahle. Mit dem linken Ohr horche ich, welche Soße mein Nachfolger ordert, damit ich mehr Varianten streuen kann. Ich habe nun mein Riesenbaguette in der Hand, was eigentlich unter Medium läuft und will mir einen schönen Tisch suchen. In dem Moment realisiere ich, daß dieses Subway ein Internatcafe ist, mit so um die 50 Plätze. Vielleicht auch mehr. Ich fand aber auch so einen kleinen Tisch ohne Monitor. Beim Rausgehen sehe ich übrigens, wie einer bewußtlos unter dem Tisch liegt. Hoffentlich hatte er ein anderes Baguette als ich. Da hier neben schönen und freundlichen Menschen viel Wirres läuft, war mein Samariterinstinkt nicht sonderlich ausgeprägt. Also bin ich in Richtung Oxford Circus weitermarschiert.

Eine der Studentinen, eine leicht verpeilte Chinesin, macht ihre Masterarbeit an der UCLIC (meine Gruppe). Sie hat mir angeboten, mir ihre Arbeit zu zeigen. Sie untersucht Schnittstellen für haptische (den Tastsinn betreffende) Geräte. Genauer gesagt, hat sie ein Gerät zum Zeichnen bekommen. Der Arm des Gerätes hat sechs Achsen und ist in der Lage den Druck mit dem man den Stift bedient zu messen. Das Ziel ist es, die Arbeit eines Malers (Künstlers) zu erfassen und zu simulieren. Dabei soll sich das Gerät so natürlich wie möglich anfühlen. Ihre erste implementierte Version hat mich nicht zum Meister reifen lassen. Meine Bilder hatten gerade das Level ein Kindergartenkindes. Und selbst dieses hätte ein besseres Bild zeichnen können. Aber eigentlich wollte ich etwas anderes erzählen. Sie hat ihren Arbeitsplatz (ein cubicle) im neuen Computer Science Gebäude. Es ist ganz offensichtlich, daß dieses Gebäude von keinem Human Computer Interaction Experten entworfen oder kontrolliert wurde. Allerdings muß irgendjemand ganz besonders von Technik fasziniert gewesen sein uns hat somit seine Ideen einfließen lassen. Seitdem das Gebäude offiziel bezogen wurde kursieren Beschwerde E-Mails. Dieses Gebäude ist intelligent. Intelligent insofern, daß es das Licht selbst einschaltet. In den Räumen gibt es nämlich keine Lichtschalter. Ein Bewegungssensor registriert, wenn sich jemand im Raum befindet und schaltete das Licht an. Toll, was? Der Nachteil ist, daß dieses besonders helle Licht, welches innerhalb von wenigen Stunden Kopfschmerzen verursacht, auch bei direkter Sonneneinstrahlung angeht. Dafür geht es aus, wenn die Leute ganz still sitzen. Mir tun jetzt schon alle Japaner in diesem Gebäude leid, die nun zu minimalen Bewegungen vor ihrem Rechner gezwungen werden, um die Lichtanlage ihre Arbeit tun lassen zu müssen.

Weitere Eigenarten sind die Zimmernummerierungen, der Lift und überhaupt. So findet Ihr den Raum 1.22 direkt neben 1.74. Wollt Ihr statt den zwei Aufzügen im Eingangsbereich die Treppe nehmen, geht ihr ins Treppenhaus, wo sich ein weitere Aufzug befindet. Und überhaupt sind die Gänge unübersichtlich und es gefällt mir nicht. Auch wenn manches davon sehr modern ist.

Das Wochenende ist vorbei und ich habe meine ersten Sightseeing Touren hinter mir. Ich werde nicht viel darüber schreiben, denn Ihr kennt es eh. Buckingham Palace, Downing Street 10, Westminster Abbey, National Gallery, Oxford Street, Piccadilly Circus, Tower Bridge, London Tower, Soho, Strand, Themse, etc.

Zu erwähnen ist, daß ich diese selfmade Touren in bitterer Kälte absolviert habe. Ich habe mir zudem vorgenommen, in ein oder zwei Musicals zu gehen. Ich versuche mir morgen Tickets für das Queen ‘We will rock you’ Musical zu besorgen. Alternativ bietet sich ‘A life in the theatre’ an mit Patrick Stewart als Hauptdarsteller. Ich weiß, daß er von der Bühne kommt und dort immer wieder spielt. Deswegen möchte ich ihn außerhalb seine atypischen Rolle als Captain Jean Luc Picard sehen. Ach ja, und ‘Stomp’ stehen mittlerweile ihr drittes Jahr auf der Bühne in London. Ein Musical mit Jason Donavan schenke ich mir.

Ich habe mir auch vorgenommen, einige Male das British Museum zu besuchen. Da meine Kollegen eher kurze Mittagspausen machen, werde ich schnelles mampfen mit Stundenbesuchen im Museum verbinden. Es liegt ja quasi in der Nachbarstraße meiner Arbeitsstätte.

Auf dem Rückweg durch Camden Town, fühlte ich mich am WE nicht ganz so sicher. WE heißt Party Time und das ruft so einiges auf die Straße. Frauen laufen verboten aufgedonnert durch die Gegend und ein Punk zieht an einem öffentlichen Geldautomaten sein Geld für den Abend. Außerdem stehen überall Leute rum, die Dir was verkaufen wollen. Manche gucken Dich verdächtig schief an und mancher ruft Dir im Vorbeigehen ‘Hashish’ ins Ohr. Aber solange man dies ignoriert, ist alles in Ordnung. Robert hat mir erzählt, daß er praktisch jedes WE in Camden Town verbringt und bisher ist ihm nichts passiert, Diese Leute gehören einfach zum Straßenbild. Und irgendwie stimmt es ja, denn es gibt auch jede Menge normaler Leuter hier. Außerdem gibt es viele Geschäfte und auch Touristen. Also kann es gar nicht so schlimm sein.

So, dann will ich Euch eine schöne Woche wünschen. Ich sammle weitere Eindrücke und werde sie Euch zuschicken.

London Retro, Teil 1

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Aus beruflichen Gründen bin ich für einen Monat in London gestranded. Meine Erwartungen waren nicht hoch, denn sowohl der Reiseführer als auch die Freunde haben mich kollektiv vor dem schrecklichen britischen Essen gewarnt. Der Reisführer, und viele andere Quellen warnen zudem vor der Kriminalität in London. Was für ein Kontrast zu Singapur. Null komma x Kriminalität und eine Küche, die an nichts (!) fehlen läßt.

Umso erfreuter war ich, als ich aus der Tube aussteigend, auf dem Weg zu meinem neuen zu Hause, einen Dönerladen sah. Der zweite Blick fiel auf einen Italiener nebenan. Und zwei weitere Häuser später ein Inder. Man hört komplett auf, sich sorgen zu machen, wenn man durch Kentish Town oder Camden Town läuft. Unglaublich bunt, überall Futterbuden und Pubs.

Mein Zimmer mit Bad befindet sich in einem Einfamilienhaus. Somit bin ich zur Zeit ein Mitglied der Familie, denn mit dem Bezahlen der Miete erhielt ich gleich den Schlüssel zum Haus. Irgendwie sind die naiv. Denn, obwohl durch die Organisation ‘Doctor in the house’ vermittelt, hat niemand meine Identität überprüft, lediglich die Visacard. Aber was solls. Ich habe es gut getroffen. Mein Landlord ist Architekt, was seine Frau macht, weiß ich noch nicht. Beide Kinder sind sehr nett. Alter um die 20 Jahre. Ich kann mich quasi frei im Haus bewegen, was ich aber natürlich nur auf meine Räumlichkeiten beschränke. Essen, d.h. Frühstück ist Selbstbedienung, so auch die Getränke. Cool. Übrigens scheine ich in einer recht guten Gegend zu wohnen. Quasi nebenan befindet sich Heampstead Heath, ein großer Naherholungspark und Wald. Auf der anderen Seite befindet sich Heampstead selbst, ein Milionärsviertel. Muß ich mal erkunden. Die Gegend meiner Lokalität könnte auch mit einer Beschreibung des Privet Drive aus Harry Potter aufnehmen. Vornehme Häuser, wobei die Türen jedoch unterschiedliche Farben haben. Meine ist rot. Da habe ich beim ersten Mal gestutzt und mich umgeschaut. Als ich die bunten Eingangstüren der Nachbarn sah, war ich wieder beruhigt. Wer weiß, in welchem Massagestudio ich da wieder gelandet wäre.

Die Kollegen an der Uni sind ebenfalls sehr nett. Die Atmosphäre scheint mir irgendwie verspielter und lockerer als in SB. Mit den Leuten kann man einfach scherzen und sich sehr gut unterhalten. Obwohl ich ein eigenes Büro habe, arbeite ich lieber in dem Großraumbüro, weil man dort mit den Leuten ins Gespräch kommt, und außerdem kommen dort viele externe Researcher vorbei, so daß man Kontakte knüpfen kann. Außerdem ist es wärmer und zur Zeit ist es sehr kalt in London, obwohl mir berichtet wurde, daß drei Tage Schnee hintereinander eher ungewöhnlich sist. Ach, das Wetter. Die Leute unterhalten sich mit Vorliebe über das Wetter. Es ist niemals gut; es wechselt nur von schlecht zu noch schlechter. Spannend was? Witzigerweise ist es tatsächlich ein gültiges Argument nach London zu ziehen. Die meisten kommen aus dem Norden. Einige, die ich kennengelernt habe, kommen aus Edinburgh.

Ach, noch etwas zu der Offenheit der Londoner. Da sie zu meinem Büro nicht den Schlüssel auf Anhieb gefunden haben, bekam ich einfach einen Masterkey. Noch Fragen? Und noch etwas typisch Britisches habe ich kennengelernt. Nach der Arbeit geht man in ein Pub. ‘London Beer’ ist übrigens empfehlenswert. Es geht nichts über das Leben in einer Stadt. Einfach nur Urlaub machen ist, glaube ich, nicht so ergiebig.

London selbst ist klassisch. Diese Stadt hat eine eigene Charakteristik. Unwiederverkennbar. Schöne alte Häuser und Gebäude. Die gilt es zu explorieren am Wochenende. Die klassische Tour halt inklusive dem British Museum und der National Gallery. Zu den Sights gehören natürlich die Telefonzellen und die roten Doppelstockbusse. Letztere wurden vor einigen Jahren durch moderne Busse ersetzt. Erstere wurden durch Internettelefonzellen ergänzt, d.h. neben einem Hörer sind sie mit Tastatur und Screen ausgestattet.

Und bei Bussen sind wir beim Verkehr. Und das ist crazy. Gut, über Tubes und Busse wissen wir alle Bescheid. Vielleicht die Anmerkung, daß manche Tubes einfach strange sind. Du läufst einen Gang dem Exit Schild entlang und landest prompt in einem Aufzug. Nein, keine Rolltreppe. Ein Aufzug läßt Euch am Ende aus einem kleinen Gebäude auf die Straße treten. Da der Verkehr hier teuer ist, sind die Londoner auf eine Alternative gestoßen: Fahrräder. Dies erfordert jedoch viel Geschicklichkeit und Mut. Somit sind Fahrräder fast ausschließlich der Jugend gegönnt. Und die haben was in den Beinen! Versuch mal einen Radfahrer zu überholen. Der fährt nämlich grundsätzlich am Anschlag. Erfreulicherweise sind viele auf Rennrädern unterwegs. Aber mal ehrlich, die fahren bei jedem Wind, jedem Regen und jedem Schneefall. Und wir Sportler wissen, wie gefährlich ein Rennrad auf nasser Fahrbahn ist. Getoppt wird es nur noch durch die Exoten, die in Shorts fahren. Eine Nummer kleiner ist das Joggen. Natürlich in Short, natürlich mitten in der Stadt und natürlich mit einem Rucksack. Ich frage mich, ob das nicht Studenten sind, die Sparsamkeit mit Gesundheit kombinieren. Und überhaupt scheint hier alles in Bewegung zu sein. Neben den Sportlern gibt es die Gelegenheitsläufer, die unbedingt einen Bus catchen wollen, obwohl sie den der gerade um die Ecke biegt, auch nehmen können. Die Rolltreppe ist irgendwie auch so eine Art Beschleuniger. Stehen ist zu langsam. Ach ja, eine Sache ist großartig: in ihrem Bemühen der Schnelligkeit (time is money), ist das Überqueren der Straße effizienter gestaltet worden. Man schafft einfach alle Fußgängerampeln ab und schreibt ‘Look right’ oder ‘Look left’ auf die Straße. Klein Martin hat sich noch nie so genau die Straßen einer Stadt angeschaut. Dabei schaut er grundsätzlich in die falsche Richtung. Beim Losgehen gönne ich mir ein Stoßgebet nicht gleich von der Nummer 24 gestempelt zu werden. Ich muß zugeben, daß ich ein wenig geflunkert habe: es gibt Ampeln. Die gängige Praxis ist jedoch: Drücke den Ampelknopf und gehe über Rot.

Ich bin mal gespannt, was ich noch so in Erfahrung bringe.

Somit liegt London auf den Toprängen meiner Skala. Forget Paris, and who the fuck is Rome? Dafür, daß ich mit so geringen Erwartungen gestartet bin, bin ich überaus positv überrascht.

Rock da house!

London Retro

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Ich habe ein wenig gestöbert und fand meine Londonberichte aus dem Jahre 2005. Da viele meiner Freunde mir bestätigten, daß ich die Berichte sehr witzig gestaltet habe, werde ich sie online legen. Mal schauen, ob mich dann auch Retro-Feedback erreicht.

Wer schön sein will, muß leiden!

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Selten wird diese Feststellung so häufig bestätigt wie in London. Mädels, wenn Ihr die Trends der Insel übernehmen wollt, braucht ihr jetzt Stiefel mit High Heels — und zwar so hoch, daß es weh tut. Ich habe mich am Samstag Abend gewundert, warum die Mädels scharenweise barfuß auf der Straße laufen oder im Lokal stehen. Ich habe es zunächst auf den Alkohol geschoben. Als ich mir so einige Fußbekleidungen genauer anschaute und Zeuge einer Gesichtsveränderung wurde, nämlich als die Dame sich die Schuhe mit einem seligen Lächeln auszog, da fiel mir der wahre Grund ein. Nun will ich das nicht herunterreden, denn die Mädels tun alles um gut auszusehen, und hey,mir gefällt es.

Camden Town

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Wie jeder Tag, so brachte auch dieser ein wenig Panik. Diesmal traf es mich: ich fand mein Rückflugticket nicht mehr. Doch die Geschichte ist kurz erzählt: Nachdem ich mein Bett und den Koffer mehrfach durchforstet habe, schweifte mein Blick im Zimmer umher und fand die gesuchte Mappe mit den wichtigen Dingen auf einem Sims am entgegengesetzte Ende des Zimmers. ich habe mich dort zuerst niedergelassen, als ich das Zimmer betrat und bin erst später auf ein anderes Bett umgezogen. Was Carsten am vierten Tag passieren sollte, fand ich bisher nicht heraus.

Camden Town ist ein ganz besonderer Ortsteil von London. Bei Tage zu empfehlen, bei Nacht zu vermeiden, wenn man sich hier nicht auskennt. Hier läuft jedes Exemplar, das zwei Beine hat und diese in gescheiter Formvollendung nutzen kann. Hmmm, vielleicht sollte ich meine Aussage einfach nur auf zwei Beine reduzieren. Denn alles was schräg ist,lebt hier, und nicht selten sind diese schrägen Leute Trendsetter. Aber wie gesagt, dieser Ort, so schön er bei Tage ist, bei Nacht trauen sich Gestalten raus, die man nur aus üblen Filmen kennt.

Camden Town market Aber einmal in der Woche ist Camden Town ein Muß. Sonntags findet hier ein riesiger Markt statt, auf dem man dufte und außergewöhnliche Klamotten kaufen kann. Ich selbst gehe selten und nur ungern einkaufen, aber wenn ich in London verweile, findet ihr mich Sonntags in Camden Town. Obwohl, wenn Ihr mich findet, dann ist es ein großer Zufall bei dieser Masse an Leuten. Selbst Tube-Station ist nur noch One-Way. Dieses Jahr habe ich wieder voll zugeschlagen. Kaum 20 Meter gelaufen, hatte ich zwei T-Shirts, ein Sweat-Shirt und eine Kappe in der Tasche. Volltreffer. Ich bin wieder modisch unterwegs. In Saarbrücken habe ich bereits Komplimente für meinen Sweater mit schräg verlaufendem Reißverschluss.

Camden Town market In einem der Hinterhöfe, wo der Markt sich weiter entlang eines Seitenarms der Thamse schlang, befindet sich das Futterzentrum. Da steht ein Stand neben einem anderen und man bekommt eine internationale Küche angeboten. Da Carsten sich schon Freitags typisches britisches Essen wünschte sind wir seinem Vorschlag gefolgt und haben uns alle etwas Britisches bestellt. Übrigens fanden wir ein Restaurant, wo wir draußen bei Sonnenschein zu ein wenig Wein und später Bier aßen. Carsten und ich haben uns Chips & Fish kommen lassen. Komisch, erstens schmeckte es gut und zweitens so war das gar nicht so typisch britisch: Ich habe es schon ein Dutzend Male in anderen Ländern auch gegessen. Egal, das Essen war lecker! Die zwei Mädels und der Boy am Nebentisch haben so neidisch geschaut, daß sie sich gleich auch was bestellt haben. Und die Mädels haben zu zweit zwei Flaschen Wein gekillt und ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht auch eine dritte angefangen haben. Eine von beiden torkelte wenn auch dezent, aber sichtlich, auf die Damentoilette.

Wir saßen bestimmt zwei Stunden in dem Restaurant. Die Zeit wurde aber knapp, denn ich sollte mich mit Magda treffen, während die anderen einen Spaziergang machen wollte. Ich fand Magda an der Green Garden Station und erfuhr, daß Simon sich uns anschließen sollte. Es war zwar ein kurzer, aber ein sehr lustiger Abend. Wir sind in eine Galerie in der Nähe des Buckingham Palastes auf einen Drink gegangen. Allein für den Eintritt mußten wir jeweils drei Pfund zahlen. Aber das war es Wert. Wir hatte immens viel Spaß und haben gegenseitig veralbert. Meine Güte, was ist das für eine Entwicklung. Vor einigen Jahren konnte ich überhaupt frei englisch reden und nun unterhalte ich mich wie selbstverständlich. Das ist wirklich ein interkulturelles Gefühl — oder ein Gefühl, das den Unterschied zischen dem Leben in Deutschland und dem Leben in England verwischt. Ich fühle mich hier einfach heimisch.

Auch diese eine Stunde ging schnell vorüber und die beiden begleiteten mich noch zu einer Kneipe am Leicester Square, dessen Name ich vergessen habe, aber wohin ich meine Leute hingelotst habe. Ich kenne mich aus. Die Kneipe ist nett. Um die Ecke sind die großen Kinos, aber als wir den Preis zahlten, stellten wir fest, das sie auch extrem teuer sind. Einheimische gehen hier nicht ins Kino, will ich hier festhalten. Der Film hieß “The devil wears Prada”, eine unterhaltsame Komödie mit Merryl Streep. Vielleicht kein Blockbuster, aber allein die Tatsache, daß der Film englisch läuft reicht aus, um mich zufrieden zu stellen.

Nach dem Film waren wir immer noch nicht müde und suchten eine Kneipe. nicht einfach in London, wenn die Kneipen im Zentrum aus gutem Grund weiterhin um 23 Uhr schließen. Um diese Uhrzeit sind viele schon besoffen und um Ausschreitungen zu vermeiden, wird ihnen keine Gelegenheit zum weiteren Wässern der Kehle geboten. In der Tat, am Abend zuvor haben wir so viele Sirenen gehört wie noch nie. Die Polizei war im Dauereinsatz. Eine verblüffende Szene war, als ein Polizeiwagen mit Blaulicht ankam und auf der gegenüberliegenden Seite anhielt, just in einem Moment, als eine Handgreiflichkeit einsetzte. Ich weiß nicht wie die das gerochen haben, aber das ging so schnell, daß man plötzlich nur einige Polizisten gesehen hat, die die Streithähne auf Distanz hielten. Zurecht. Am Sonntag habe ich mir die Blöße gegeben und die Sun gekauft: Am tag zuvor gab es drei Schießereien, wobei ein unschuldiger getötet wurde. Man kennt die Motive nicht.

Wo war ich? Ach ja, wir haben eine Kneipe gesucht, sind durch West End gegangen und fanden einen Club. Darin haben wir uns mit Getränken versorgt und getanzt. Man bemerke: Der Club hatte eine angenehme Anzahl von Besuchern, die Leute haben gefeiert und wo sie gerade auch standen, haben sie getanzt. Am Sonntag! Tina und ich verließen den Club um 2 Uhr, Julia und Carsten haben es wohl bis 4 Uhr ausgehalten. Am Sonntag! Wie auch immer, ohne Karte und Pi mal Daumen sind Tina und ich zum Hostel, wobei wir noch eine Extrarunde drehten und bei den Löwen am Hintereingang rasteten und unsere angeregte Unterhaltung führten. “Auf die Zufriedenheit!”, sage ich. Ich glaube, so gegen 3 waren wir dann tatsächlich im Hostel.

Montag morgen. 8 Uhr. Aufstehen. Frühstücken. Ab zum Flughafen und gen Heimat fliegen. London ich komme wieder. Spätestens am 7. Juli 2007 zum Prolog der Tour de France!!!

Modern Tate

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Tina in the British Museum Nachdem wir am Samstag Morgen endlich Tinas Geldbörse im Restaurant gefunden haben, wo sie sie auf der Damentoilette liegen ließ, brachen wir in das Londoner Getümmel auf. Während die anderen das British Museum erkundeten und anschließen zur Westminster Abbey wollten, brach ich zum Shoppen auf. Erstmal ging es zu meinem Lieblingsbuchhandel, der Universitätsbuchladen Waterstones um die Ecke. Die haben eine gute Auswahl an Fantasybüchern. Zuletzt habe ich dort die Bücher von Trudi Canavan aufgetan. In dem Laden verbrachte ich nun ein wenig Zeit und entschloß mich dann für zwei neue Trilogien, die jetzt bei Arne liegen. Als ich hier fertig war, kaufte ich für Jelena ihren Chocolate Drink powder und für mich noch weiteres Zeug, das ich erstmal im Hostel ablegen mußte.

Ich war bereits spät dran, Julia schickte mir eine SMS und rief mich hastig an. Sie hatte nur noch einige Cent Guthaben, aber zumindest konnte ich Ihr mitteilen, daß ich nicht in die Westminster Abbey komme und mich danach bei ihnen melden werde. Auf dem Weg dorthin schickte ich zur Sicherheit jeweils eine SMS an Julia und eine an Tina, in denen ich beiden mitteilte, daß ich am Seitenausgang der Westminster Abbey auf sie warten würde. Das tat ich dann so 45 Minuten, bis mir jemand auf die Schulter klopfte und fragte: “Wolltest Du Dich nicht bei uns melden?” Ähm … ich habe zwei SMS verschickt … ein Blick in die Handtasche hätte geholfen, um festzustellen, daß ich mich gemeldet habe. Beide griffen nach ihren Handies und quittierten meine Bemerkung mit einem “Stimmt.”. Vielleicht bin ich durch Krümel und Jelena geschädigt, aber die zwei verwenden ihre Handies so intensiv, daß man annehmen möchte, alle Frauen tun das so.

Egal, ich war keinem böse, kann passieren. Nun ja, sie waren noch nicht in der Westminster Abbey und zur Strafe hatte diese auch prompt geschlossen. So hatten ein wenig Zeit und sind schnell mal zu “Fortnum and Mason“, wo man einen exzellenten britischen Earl Grey in Teebeuteln bekommt. Nicht ganz billig, aber den Preis wert. Ach ja, ganz nebenbei bemerkt, währen all der ganzen Zeit habe ich mit Magda und Kamila (zwei britische Freunde) telefoniert und Dates ausgemacht. Magda hat mich zusätzlich zu Fortnum and Mason navigiert.

Wir hatten noch einige Stunden Zeit, also sind wir ganz fix zu den Docks und danach nach Greenwich zum Observatorium (Nullmeridian) und haben anschließend im Städtchen mexikanisch gegessen. Die Zeit wurde ein wenig knapper, aber wir haben es dennoch um 20 Uhr zum Tate Modern geschafft, wo wir im 7. Stock in der Bar gemütlich einen Cappuccino und ein Bier getrunken haben, und die Sicht auf die Thamse und auf die beleuchtete skyline von London (vis-a-vis St.Pauls) genossen. Wir, das waren nicht nur wir vier: Carsten hat einen Freund kontaktiert (ich nenne ihn Niels), der in London lebt, Tina einen weiteren, und habe mich mit Kamilla und ihrem Freund verabredet. Das war, Julia möge es uns verzeihen, ein wirklich lustiger Abend. Wir haben uns alle in unsere Unterhaltung vertieft und richtig amüsiert. Kamilla, ihr Freund James und ich haben uns über Arbeit, Urlaub, Kollegen, und die Deutschen unterhalten. Irgendwie haben sie mit den Deutschen im Urlaub kein Glück gehabt. Dafür war das Zelten wohl toll gewesen, vie besser als die Hotels.

Was wäre ein Tag ohne ein Mißgeschick. Während wir in die Bar hoch sind, wollte Julia noch ein wenig stöbern. Sie wußte, wo sie uns finden könnte, aber es kam irgendwie alles zusammen. Sie ist in die Bar und hat uns nicht gesehen. Eigentlich unverständlich, denn unsere Gruppe war nicht klein und wir standen direkt am Eingang. Daraufhin ist sie wieder runter und versuchte uns anzurufen, aber ratet mal: Ihr Akku war leer. Sie konnte uns nicht erreichen und wir nicht sie. Wieder so eine Handy Panne. Also versuchte sie am Münztelefon mich anzurufen. Ich sah eine fremde Nummer, ging dennoch ran und sagte mehrfach “Hallo”. Keine Reaktion. Ich dachte mir, daß es Julia sein könnte. Wer sonst würde mich jetzt anrufen. Nummer war ja gespeichert, also wollte ich zurückrufen. Eine männliche Stimme, die ich so nicht kannte ging ran und ich versuchte die Identität der Person herauszubekommen. Sie überraschte mich, als sie deutsch Sprach und mich fragte, ob wir das Gespräch auf diese Weise fortsetzen wollen, oder wir uns nicht auf die übliche Weise unterhalten wollen. Hmm, ich rief Niels an, der neben mir stand. Komisch, aber dann fiel mir ein, daß Carsten kurz zuvor Niels von meinem Handy aus angerufen hat. Ich rief erstbeste Nummer an, die ich nicht kannte.

Problem geklärt, also wählte ich die zweite unbekannte Nummer an. Naja, ein Münztelefon kannst Du aber nicht anrufen. Dann klingelte es wieder bei mir. Julia am anderen Ende verstand mich, ich aber nicht sie. Somit wußte ich nicht, daß da wenigstens eine einseitige Unterhaltung stattfand. Nach fünf Anrufen — Julia hat sämtliche Apparate durchprobiert — habe ich provisorisch einfach eine Message an Julia mit unserem Verbleib gesprochen. Was ich nicht wußte, war, daß der Apparat unser Gespräch getrennt hat. Julia hat mitbekommen, daß ich eine Nachricht durchgeben wollte, sie aber nicht ganz gehört. Sie wußte immer noch nicht, wo wir waren. Also probierte sie weiterhin mich zu erreichen. In der Zwischenzeit fragte ich Kamilla und James, ob sie eine solche Nummer kennen, oder ob es sich um eine Art Spamanruf handelt, für den ich bezahlen soll. Nach einem “Maybe.” beschloß ich keine Anrufe mehr entgegenzunehmen. Julias Frustfaktor stieg. Inzwischen beschlossen Carsten und Niels, Julia zu suchen, die sie sofort unten in der Halle fanden. Glücklicherweise war unsere Laune so gut, daß wir Julias Frust beseitigen konnten.

Julia, Martin, and Carsten Nachdem Tate Modern schloß, sind wir einige Meter weiter in eine Bar an der Thamse, wo wir noch ein Fosters zu uns nahmen. Gegen Mitternacht haben wir uns auf den Weg gemacht. Julia und ich gingen vor, Carsten und Tina einige Meter in ein Gespräch vertieft hinter uns. An der London Bridge hielten Julia und ich an und diskutierten, welchen Weg wir nehmen sollten. Als wir uns entschieden, die Brücke zu überqueren, gestikulierten wir den anderen zwei den Weg. Wir waren uns sicher, daß Carsten uns gesehen hat. Wir haben sie dennoch verloren, denn sie sind weitergegangen. Wir warteten, aber sie waren einfach weg. Ok, Tina hat immer noch ihr Handy ausgeschaltet und Carsten hat ja keines. Also sind wir weiter ins Hostel, wo wir die anderen kurz nach unsere Ankunft trafen. Eine weitere kurze Nacht folgte.

London, my London, by night

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Nach der Konferenz in Oxford fuhr ich direkt mit dem Zug nach London. Dummerweise bekam ich keinen Sitzplatz und mußte eine Stunde stehen. Für die Fahrt bis zum Hostel habe ich großzügig 90 Minuten eingeplant, es wurden weit über zwei Stunden. Ich machte mir schon sorgen, daß ich zu spät komme, da ich Tina, Julia und Carsten angekündigt habe, so gegen 18.30 Uhr da zu sein. Tina Carsten sollten sollten eine Stunde später ebenfalls am Hostel ankommen, Julia erst gegen 21.00 Uhr.

Meine Pläne für den Abend sind insgesamt durcheinandergepurzelt. Ursprünglich hatte ich die Idee, meine englischen Freunde am Freitag Abend zu treffen. Dadurch, daß die deutschen Freunde erst später eintreffen sollten, wurden diese Planung gleich abgeändert Schlußendlich konnten die englischen Freunde eh nicht ausgehen.

Jedenfalls setzte kam ich als erster am freitag an, habe eingecheckt und gleich für die anderen mitbezahlt. Das Hostel heißt übrigens Astor Museum Inn und ist direkt gegenüber dem Britischen Museum. Eine Toplage! Das Hostel selbst ist in Ordnung, die Leute waren freundlich und die Durchreisenden ganz nette Menschen. Übrigens steigt man in der Gunst der Fremden sehr hoch auf, wenn man einen Universalstromadapter dabei hat. Daran denken nämlich die wenigsten. So habe ich gleich in unserem 12er Zimmer die Lockenwickler und Handies der Damen einstöpseln können — Zack, schon ist man im Gespräch.

Gut, ich sitze immer noch vor dem Hostel und warte.In der Zwischenzeit verläßt ein sehr attraktives Mädel das Hostel und fragt mich, ob ich mit Ihr einen trinken gehen möchte. Verdammt! Das ist mir noch nie passiert. Und gerade jetzt muß ich auf meine Freunde warten, die jeden Moment eintreffen. Das hat mich gleichzeitig aufgebaut aber auch geärgert.

Meine Freunde kamen eine Stunde später. Und nicht Tina und Carsten, wie gedacht, sondern Julia. Nun darfst Du lieber Leser zu Recht einwerfen, daß wir in der modernen Welt leben und ich mich doch per Handy mit meinen Leuten in Kontakt setzen könnte. Habe ich auch: Carsten hat kein Handy und Tina hat ihres einfach nicht eingeschaltet. Soviel dazu.

Irgendwann waren alle da, wir waren hungrig, also sind wir um die Ecke zum Inder essen gegangen. Das war fantastisch und sehr lecker. Auch mein Huhn, das fälschlicherweise mit Gullasch von meinen Freunden tituliert wurde. Gut, das war noch witzig. Daß Tina aber ihre Geldbörse im Restaurant vergißt und das Fehelen erst am nächsten Tag bemerkt, war nicht witzig. Da wir das zu dem Zeitpunkt noch nicht wußten, hatten wir einen super Abend. Ein dreistündiger nächtlicher Spaziergang durch London erfrischte uns: Leicester Square, Piccadily Circus, Big Ben, Thamse, The London Eye, und vieles mehr. Was wirklich gut ist, daß ich mittlerweile ohne Stadtplan durch die City laufe, so gut kenne ich die Stadt.

Übrigens, auf dem zum Leicester Square sind wir an diversen Clubs vorbei. An einem war die Schlange recht lang und Julia schloß folgerichtig, daß lange Schlangen für gute Clubs sprechen, also sollten wir am Samstag Abend dahin gehen. Carsten und ich waren dagegen: Julia entging das 3×4 Meter große Schild, auf dem erleuchtet durch sehr helle Birnen ein “GAYS” stand. Das ist eine Art blinkende Schrift auf einer Webseite. Konsequenterweise standen — oh Wunder — nur Männer an. Die wenigen Frauen, die ich sichten konnte, hockten am Borstein und übergaben sich auf die Straße. Noch Fragen. Julia hatte keine mehr.

Um 2 Uhr in der Nacht haben wir dann nach einem langen Tag wieder ins Bett gefunden. Die Nacht wurde eh kurz, da wir als Berufstieger das frühe Aufstehen gewöhnt sind.

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